GUCCI, IMPRESSIONISMUS UND DIE SACHE MIT DER WAHRHAFTIGKEIT

Alessandro Michele orientiert sich an der Kunst der Renaissance. Fair enough. Aber man kann die Tatsache, dass sich etwas Impressionismus dahinter versteckt, absolut nicht ignorieren.

Kennen Sie die Kleider der impressionistischen Gemälde ? Die zeitgenössische Kleidung des 19. Jahrhunderts, die der Epoche des Historismus zugeordnet werden kann, hat den italienischen Designer zweifellos bei der Schöpfung der Frühjahrskollektion 2017 beeinflusst.

Cecilia Beaux trägt auf einem Selbstporträt, das aus dem Jahr 1894 stammt, eine Bluse aus einem gestreiften Stoff, der sehr an das von Michele für ein kurzes langärmliges Kleid verwendete Lycra erinnert. Der Impressionismus ist, u.a., sehr von der Art und Weise, wie die Stoffe gemalt wurden, geprägt. Die Texturen wurden zum Teil mit einer unglaublichen Wahrhaftigkeit auf die Leinwände durch Pinselstriche übertragen. Und diese Wahrhaftigkeit finden wir in Michele’s Kreationen wieder. Da wo Eugene Rabkin vor kurzem behauptete, dass Michele’s Entwürfe „shallow clothes for shallow people“ seien, erweckt sich in mir doch ein Widerspruchsgedanke. Die Kreationen des italienischen Designers sind von einer bestimmten Eklektik geprägt, die als absolut unsinniger Mischmasch, aber auch genauso gut als Geniepinselstrich bezeichnet werden kann. Dazu reicht es alleine, sich mal mit der Reichweite seiner Entwürfe auseinanderzusetzen. Es ist völlig klar, dass die Käufer, die den durch ihn so plötzlich entstandenen Hype gedankenlos folgen, einer Truppe völlig hirnloser Schafe ähneln können. Blind kaufen sie Teile, die mehr als 1000€ kosten, es aber z.T. absolut nicht wert sind. Was man bezahlt, ist der Hype. Denn letzterer bestimmt, was wir hübsch finden und was absolut passé ist. Wofür wir bereit sind, zwei Monate Ersparnisse auszugeben und wofür wir nicht mehr als 5€ ausgeben wollen. Aber steckt denn nicht mehr als Hype in Michele’s Design? Steckt da nicht auch vielleicht die Verkörperung unserer heutigen Gesellschaft, die absolut alles unsinnig miteinander mischt und hofft, das Beste daraus zu machen? Die andauernd nach Selbstverwirklichung und Individualisierung zu suchen scheint?

Michele’s Idee, frei wählbare Patches auf der im einem Gucci Store gekauften Kleidung anbringen zu lassen, hat absolut nichts Neues an sich. Seit Jahrzehnten individualisieren alle Harley-Davidson-Fahrer ihre Bikerjacken. Aber was als Individualisierung startet, endet als Uniformierung. Ein Extrem trifft auf das andere. Denn sowie alle Harley-Davidson-Fahrer doch genau gleich aussehen, erkennen wir mittlerweile auf absolut allen Streetstyle-Bilder, die die großen Magazine dieser Erde uns nach den Fashionweeks massenhaft liefern, immer wieder die gleichen Motive. Gucci-Dyonisus (WITH patches!), Mokassins deren Hinterteil durch ein flauschiges Etwas ersetzt wurde und große Sprüche. Seien wir ehrlich, welche Message überbringen wir damit eigentlich? Suzy Menkes’ „Circus of Fashion“ aus dem Jahre 2013, erklärt das Streetstyle-Phänomen und bringt es auf den Punkt. Sehen und gesehen, bestenfalls fotografiert, werden. Und dass Michele’s Entwürfe photogen sind, können wir leider Gottes absolut nicht verneinen. Streetstyle-Bilder sind die beste Werbung überhaupt und auf dieser Seite hat der italienische Designer schon von Anfang an punkten können. Dass seine Entwürfe dadurch von jeglichem Sinn entfremdet sind, ist meiner Meinung nach eine gewagte These. Eklektik verbirgt eine grosse Liebe für verschieden Epochen und ist somit nicht ein Beweis von kreativer Faulheit.

Der Impressionismus wurde zum Teil miss- oder anfangs unverstanden und Meisterwerke haben sich auf einmal im Salon der Refüsierten befunden. Meisterwerke, die heute in den grössten Museen der Welt ausgestellt werden. Das haben wahrscheinlich so manche Kritiker später bereut. Das Phänomen Gucci wird uns mit Sicherheit in den kommenden Saisons noch überraschen, sodass wir vielleicht nicht zu schnell unsere Schlüsse, gegenüber etwas, das so einen extrem starken kommerziellen Erfolg aufweist, ziehen sollten.

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s