Die Sache mit dem Fremden & warum Reden guttut

Es handelt sich hier um das Bahnphänomen: Man trifft eine fremde Person in der Bahn, kommt ins Gespräch und erzählt Dinge, die man noch nie jemandem so richtig erzählt hat. Als sei diese Person ein Spiegel und man guckt sich selber zum ersten Mal wirklich an. Dann hält der Zug, der Mensch steigt aus und man fragt sich, wieso man ihm das gerade alles erzählt hat. Aber irgendwie fühlt man sich leichter.

Im Club verabschiedete ich mich früher von meinen Freundinnen und ging als Erste raus. Meine Mission war, mein Fahrrad zu finden, das ich zuvor irgendwo abgestellt hatte. Orientierungslos schlug ich eine ungefähre Richtung ein und lief lächelnd durch die Straßen von St. Pauli. Ich streifte mir meine Stilettos von den Füßen und balancierte in meinem Glück taumelnd den Bürgersteig entlang. Nach einer Weile stellte ich fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war und die Gegend einsam wurde.

Ein Kerl lief vor mir: Schulterlange Haare zu einem kurzen Zopf gebunden, dunkle Jogginghose und Hoodie. Anfangs war es meine Theorie Abstand zu halten und meine High Heels so in der Hand zu halten, dass ich im Notfall direkt zuschlagen könnte. Dann hörte ich gruselige Stimmen aus einem Hinterhof und huschte schnell dichter zu dem jungen Mann auf. Mein Feind drehte sich ruckartig um, vor lauter Schreck ließ ich meine Waffe fallen und sprang einen Schritt zurück.

„Du hast keine Ahnung, wo du hier bist, richtig?“, er bückte sich und reichte mir meinen Schuh. Große Frage an mich: Sollte ich gegenüber meinem Angreifer Schwäche und Schutzlosigkeit zugeben?

Ich: „Ne, ich such mein Fahrrad. Beethoven.“

Er: „Dein Fahrrad heißt Beethoven? Gibt’s auch Wolfgang Amadeus Mozart?“ (lacht)

Ich: „Naja, das Fahrrad meiner Freundin Joey heißt Mozart und mein Hund heißt Wolfgang, zählt das?“

Dann beschrieb ich ihm die Gegend, wo ich mein Fahrrad abgestellt hatte und wir liefen nebeneinander her. Auf meine Frage, warum er morgens um 4 Uhr nüchtern und alleine durch die Gegend lief, zuckte John mit den Schultern.

„Ich hatte einen beschissenen Tag“

In dem Moment des ersten Kennenlernens, den die Meisten dazu nutzen ihr Leben so bunt und schön, wie möglich darzustellen, erklärte er mir, was momentan nicht so cool lief. Es waren Dinge mit denen sich jeder Mensch (besonders ich) identifizieren kann: Mache ich den richtigen Job, der mich auch die nächsten Jahre erfüllen wird? Selbstzweifel. Warum bin ich manchmal so grundlos unzufrieden? Selbstsuche. Wieso läuft es in meiner Beziehung manchmal so komisch? Eine Frage der Liebe. Warum habe ich jenes gesagt oder getan? Fehler zugeben, dazu stehen und es laut aussprechen. Ehrlich sein – zu anderen und besonders zu sich selbst.

Als wir an meinem Fahrrad ankamen, schloss ich es auf und wir liefen wie selbstverständlich weiter. Wir redeten von unserer Kindheit, unserer Zukunft, Ängsten und Wünschen. Um 6 Uhr verabschiedete ich mich dann, weil ich zur Arbeit musste.

Ich traf John noch einmal in einem Café, danach nie wieder. Jetzt kennt ein Fremder in Hamburg meine nackte Seele und einsamsten Gedanken und ich weiß weder seinen Nachnamen, noch habe ich seine Handynummer. Aber das Reden tat gut.

Foto: Paul Garaizar via unsplash https://unsplash.com/@enjoythesilence

Ronja Ebeling

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