Südafrika: Das Land ist so stark, wie die Schultern der Frauen

Die Apartheid sollte bereits 1994 mit der Präsidentschaft von Nelson Mandela, dem ersten dunkelhäutigen Staatsoberhaupt von Südafrika, enden. Seit 1996 ist die Gleichstellung in der südafrikanischen Verfassung verankert. Was hat sich seitdem geändert? Eine Reportage über Ängste und Hoffnungen der Frauen in Südafrika und wie überwunden die Apartheid im Land tatsächlich ist.

Ihre eigene Tochter war neun Jahre alt, als die Familie aus Nordrheinwestfalen begann sich für ein kleines Mädchen in Südafrika zu engagieren. Mit sechs Jahren durfte Zione dank dieser Unterstützung in die Schule gehen und lernen. Sie bekam alle zwei Monate ein Paket mit Stiften, Blöcken und Kleidung. In Deutschland freute sich die kleine Tochter, wenn sie Fotos sah, auf denen das andere Mädchen Kleider trug, die vorher ihr gehörten. Die Familie bekam gemalte Bilder und übersetzte Briefe. Zione liebte die Schule und wollte Lehrerin werden. Kurz nach ihrem Elften Geburtstag, bekam die Familie den letzten Brief: Sie habe die Schule abgebrochen und werde einen 15 Jahre älteren Mann heiraten.

Wir schreiben das Jahr 2017 und es gibt immer noch arrangierte Ehen. Der Großteil der jungen Frauen und Mädchen treffen die Entscheidung, auf Schulbildung zu verzichten und sich mit älteren Sugar-Daddies abzugeben, jedoch selbst. Um das zu verstehen, muss man die Townships in Südafrika besuchen.

Sex für drei Euro

Auf dem Weg dorthin stehen Frauen, Männer und Kinder mit abgeranzter Klamotte direkt neben der Fahrbahn und wedeln den Autos bunte Geldscheine entgegen. Gruppen von Mädchen suchen alle eine Mitfahrgelegenheit, aber wer dem Fahrer einen bläst, fährt umsonst. Im Township angekommen laufen junge Frauen in kurzen Röcken und knappen Tops herum. Sie tragen dicke Kreolen, Armbänder und Ketten. In mancher super engen Hosentasche kann man ein Iphone erahnen. Die Gegend: verfallene Häuser, schmutzige Straßen und viel zu viele Menschen in Armut. Gelegentlich fahren Audis und BMWs durch die Straßen, die Mädchen steigen ein und verlassen das Township. Sie fahren in die nächstgroße Stadt, in Clubs, zu den Männern Nachhause. Wenn die Mädchen einen solchen Suger-Daddy haben geht es ihnen „noch verhältnismäßig gut“.

In den sogenannten Dark Buildings in Johannesburg geht es derber zu: Der Sex kostet 40 Rand, umgerechnet sind das drei Euro. Das Setting ist ein dunkles Gebäude, das nach Abwasser und Urin riecht. „Zu der Dienstleistung gehört kein Küssen, Lecken oder Ausziehen. Es ist eine Sache von maximal zehn Minuten: Rein, raus und fertig!“, erklärt Nahiaa. Sie steht jeden Tag auf der Straße und wartet auf Kundschaft. Im europäisch angehauchten Kapstadt hebt sich der Preis: Je nach Etablissement können die Frauen hier bis zu 140 Rand nehmen. Hinter diesen Einrichtungen stecken aber auch oft Zuhälter. Nahiaa möchte sich ihre Unabhängigkeit bewahren.

Das funktioniert gut, so lange die Mädels jung sind. Aber ein paar Jahrzehnte später werden sie, wie die anderen älteren Frauen, in den dreckigen Gassen sitzen und in die Leere starren. Oder sie hocken auch mit einem Sack Zitronen am Straßenrand und versuchen, die sauren Früchte zu verkaufen.

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, nützt dir das als Frau leider gar nichts

Sobald ein Auto in der Nähe von Port Elisabeth hält, springt die abgemagerte und zerbrechliche Frau auf und sprintet mit ihren Zitrusfrüchten als Erste zur Fahrertür. Hier starrt sie in ein Gesicht, das ihr die Hoffnung gibt, heute noch etwas Essen zu bekommen. Doch dann wird sie von fünf Männern vom Auto weggezogen, zur Seite geschubst und in die hinterste Reihe verbannt. Ein anderer Sack Zitronen wandert ins Auto, Geld wechselt den Besitzer und die knochige Gestalt stottert mit Tränen in den Augen: „I was first! Really! I was first!“. Ja, sie war Erste, aber als Frau nützt ihr das in diesem Land nichts. Sie ist bereits Anfang 70 und fällt vor Erschöpfung in sich zusammen, als der Automotor wieder startet.

Frauenhäuser: Nur für ausgewählte Frauen eine Rettung

Wer aber kümmert sich um diese Frauen und stärkt ihnen den Rücken? Sisters incorporated nennt sich das Frauenhaus in Kapstadt, das sich um misshandelte Frauen und ihre Kinder kümmert. Von außen umgeben hohe Mauern und Stacheldrahtzaun das Gelände, um die Frauen vor wütenden Vätern und Ehemännern zu schützen. Das Gebäude selbst ist groß, hell und geräumig. In der unteren Etage werden in einer großen Küche die gemeinsamen Mahlzeiten vorbereitet. Eine Tür weiter hocken vier Frauen am Tisch und bemalen Tücher. Anna ist Anfang 20 und hochschwanger. Jetzt weiß sie, dass sie hier ihr Kind sicher zur Welt bringen kann. Die Gesichter der anderen Frauen sind gezeichnet: Dunkle Augenringe. Die bunten und fröhlichen Farben werden von vernarbten, grauen Händen aufgetragen. Bei Luena und Cynthia ist noch ein dünner Abdruck am Ringfinger zu sehen, heute haben sie aber jegliche Symbole ihrer Ehe abgelegt. Es fällt direkt auf, dass die Frauen alle hellhäutig sind. Kein junges Mädchen aus den Townships scheint in diesem Frauenhaus zu leben. Ist das Zufall? Die Heimleitung erklärt, dass es zwei unterschiedliche Dinge seien und die Townships ein Fall für sich. Bedeutet das, dass die Probleme dort zu groß sind, um sie überhaupt anzupacken? „Naja, wir wollen keine Aufklärungsarbeit betreiben, weil wir uns nicht in andere Kulturen einmischen wollen. Das ist eine andere Welt.“ Schockierte Stille. In diesem Land findet jede neunte Minute eine Vergewaltigung statt und trotzdem arbeiten schwarze und weiße Frauen nicht zusammen, wenn es um ihre eigenen und gleichen Rechte geht? „Wir sind dort nicht willkommen“, beendete die Leitung das Thema. Die Heimführung geht in der Werkstatt weiter.  Frauen dürfen maximal sechs Monate hierbleiben. Wenn sie neu im Haus ankommen, sollen sie ihre Träume und Wünsche aufschreiben. Shaynen ist 21 Jahre alt und zweifache Mutter. Auf einem grünen Karton klebt sie behutsam das weiße Papier und verziert es liebevoll mit pinken Herzchen: „Eine gute Mutter und Tochter sein, Bildung für mich und gute Schulen für meine Mädchen.“

Eine Mutter für ihr Kind

Ihre zwei Töchter sind im Nebengebäude und sollten nun eigentlich mit den anderen Kindern Mittagsschlaf halten. Auch ihre Augen haben diesen leeren, müden Ausdruck. Alle Kinder sind still, als sie beobachten, wie ein Junge seine Sachen packen muss und das Anwesen verlässt. Seine Mutter steht im Türrahmen und kämpft mit den Tränen, während sie mit einer anderen Frau spricht, die sie bittet zu bleiben. Ihr Sohn ist vor wenigen Tagen zehn Jahre alt geworden, somit erwachsen und er darf nicht mehr im Frauenhaus bleiben. Der Junge muss zurück zu seinem Vater, während seine Mutter eigentlich im Heim bleiben könnte. Sie weiß, was sie zuhause erwartet. Sie weiß, dass sie vor wenigen Monaten gegangen ist, weil sie es nicht mehr aushalten konnte und innerlich und äußerlich zerbrochen war. Aber sie war bereit in die Hölle zurückzukehren, sich vor ihre Kinder zu stellen und all den Last erneut aufzunehmen. In diesem Moment steht fest: Das Land ist so stark, wie die Schultern der Frauen. Die Mutter zieht das Tor hinter sich zu und folgt ihrem ältesten Sohn.

Ronja Ebeling

Hello, it's Ronny! Ich mache zurzeit mein Volontariat bei Gala Online in Hamburg. Derbleu.com möchte ich trotz Vollzeitjob weitermachen. Diese Website ist meine kreative Spielwiese: Hier steckt viel Herzblut, Gedankengut und Zeit drin.

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