Das schwule Stigma in der Kreativindustrie

„Und was wollt ihr später machen?“, fragt meine Mathelehrerin in der letzen Schulwoche meines Lebens in die Runde. Ich werde etwas nervös und gucke in die Gesichter der anderen und bin auf ihre Reaktionen, wenn sie meine Antwort hören, gespannt.
„Ich mache erstmal was soziales… ich muss mich selber finden.“
„Ich mache was im Ausland… ich muss mich selber finden.“
„…“
Abgesehen von der Frage was dieses mysteriöse „was“ nun sein möge, welches das perfekte und einzigartige Wundermittel zur Selbsterkenntnis zu sein scheint, bin ich mir an diesem Punkt ziemlich sicher, dass ich schon so weit in meinem pubertären Stadium der Selsbtreflexion vorangeschritten bin, dass mir die Antwort, wenn auch auf die Reaktion der anderen achtend, leicht und mit einem gewissen Schein von Stolz über die Lippen kommt: „Ich studiere Modedesign.“
„Aha. Und du?“…
Eine große Reaktion bleibt aus. Keine Rufe, keine vielsagend-lächelnd ausgetauschten Blicke. Komisch. Ich hatte anderes erwartet, da doch der bloße Fakt, dass ich an meiner kleinen Schule in einem durch und durch schwarzen Teil Nordrhein-Westfalens einen Jungen date schon für Aufsehen gesorgt hatte.
Kein „BILD“-Titelseiten Aufsehen aber dennoch in der Grundstimmung meiner Mitschüler spürbar. Kaum jemand trat mir direkt feindselig gegenüber, aber das bloße Vorhandensein meiner in ihren Augen negativen Andersartigkeit, war genug um Gespräche hinter meinem Rücken und andere kleine Feindseligkeiten hervorzurufen, die meine Freunde und ich jedoch gekonnt ignorierten. Doch wohin geht man mit seiner durch andere definierten „Andersartigkeit“… In welchem Berufsfeld kann ich mich im doch allgemein als schwarz und prüde verschrienen Deutschland sehen?
Da ich sehr früh in meinem Leben begonnen hatte, kreativen Hobbys nachzugehen, war für mich, rein von meinen Interessen her, ein sehr theoretischer und eintöniger Beruf ausgeschlossen.
Ein Glück für mich?
Im Volksmund gelten viele kreative Berufe, sei es nun der Friseur, der Stilist, der Modedesigner, etc., doch beinahe als Ausdruck der Homosexualität, wenn von einem Mann ausgeübt.
Die „Meinugsschere“ öffnete hier ihre Klingen sehr weit, auf dem von Kleinstädten, Dörfern und Käffern übersäten Land, halten sich diese Stigmata und Klischees sehr stark, wie ich selbst erfahren habe, wohingegen in größeren, von der Diversiät ihrer Bürger geprägten Städten Vorurteile und Verurteilungen, genauso wie das Schubladendenken, mehr als ein Witz und Spruch als als wirkliche Form der Anfeindung gesehen werden.
Für mich war, neben dem wirklichen Interesse und Wollen, das Ergreifen meines Studiengangs „Modedesign“ auch eine Flucht. Eine Flucht in eine, in den Augen des kleinen großäugigen Jungen vom Lande, vor Diversität und Akzeptanz strotzenden Welt in der er er selbst und so wie er war sein konnte. Ein ziemliches naives Denken oder?
Teils Teils, kann ich nun nach einem Jahr meines Studiums sagen. Zum einen fühle ich mich wirklich akzeptierter und entspannter mir selbst und meiner Sexualität gegenüber. Durch das Studium, dessen Offenheit, aber nicht zuletzt auch durch die Großstadt als Umfeld, wurde wir bewusst, dass dieses „Ding“ – meine Sexualität- was mir früher als ein mich komplett definierendes Medium präsentiert worden war, nur ein Teil von mir ist. Ein ziemlich unwichtiger Teil eigentlich. Aber wieso sehen WIR dann manche Berufe, welche eben meist in der Kreativbranche liegen, als typisch dies und typisch das an ?
Zum einen kommt dies, so denke ich, von unserem heutigen Trend- oder dem Trend meiner Generation. Schwul ist cool. Gay is okay. Zum ersten Mal seit „immer“ werden von der Mehrheit als normal festgelegten Norm abweichende Menschen nicht nur wie in der Generation meiner Eltern toleriert, sondern akzeptiert und sogar dafür gelobt, gefeiert und mit starkem sozialen Rückhalt unterstützt. So gehen mehr und mehr Menschen offener mit ihrer Sexualität um. Dies passiert in allen Berufsfeldern. Doch, da der Modesektor generell durch Offenheit gegenüber Alternativen, dem Öffnen für neue Designideen, einer Schnelllebigkeit sowie einem „Up to date sein“, nur so strotzt, ist es rein logisch betrachtet offensichtlich, dass sich mehr Leute in kreativen,künstlerischen und somit „offeneren“ Berufen outen und die Öffentlichkeit davon erfährt, als Schwule, Lesben, etc. die einen und somit wären wir wieder beim Thema Klischee und Volksmund, „typisch männlichen“ oder eben „typisch femininen“ Beruf ausüben.
Outet sich beispielsweise ein ALEXANDER WANG oder adoptiert ein TOM FORD mit seinem Partner ein Kind, ist dies für die „Anhänger“ der Branche eine freudige Nachricht, wohingegen sich ein U.S. Amerikanischer Football-Spieler Gedanken um seine Zukunft machen muss, da ihm nach seinem Outing sein Vertrag gekündigt wurde.
Schwul heißt nicht kreativ und kreativ heißt nicht Schwul. You do YOU. I do ME.

timstolte

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