Der Duft nach frischen Waffeln & Familie

Es ist Mitternacht, ich bin wieder in meiner Heimat. Weihrauchcity oder wie die Pilger den Ort nennen: Kevelaer. Ich sitze hier am Esszimmertisch und betrachte die Familienfotos, die im großen Raum aufgestellt sind. Früher hat Mama gesagt, sie möge die Wohnzimmer mit Fotos von scheinheiligen und nach außen perfekten Familien nicht. Keine Ahnung also, ob sie die Sammlung nur stehenlässt, weil sie die „Notlösungs-Weihnachtsgeschenke“ von meinem Bruder und mir nicht wegschließen kann oder ob sie insgeheim doch ziemlich stolz ist. Diese absolut unperfekte Familie mit sämtlichen Ecken, Kanten und Gegensätzen.

Mein Exfreund hat früher immer gesagt, es sei gruselig, wenn ich mich plötzlich verhalte, wie meine Mutter. Manchmal erschrecke ich mich zugegeben selbst. Einen Moment später bin ich stolz, weil diese Frau einfach die unglaublichste Person dieser Erde ist. Ich weiß ganz genau, dass sie jeder meiner Emotionen nochmal doppelt so stark spürt, wie ich. Wenn ich die halbe Nacht wachliege und nicht schlafen kann, dann ist sie die ganze Nacht wach und denkt an mich. Und dann ist da mein Papa: Der Kerl, der sich keinen einzigen Namen meiner Freundinnen merken kann und gefühlt seit seinem 30sten Lebensjahr an Alzheimer leidet. Er reißt auf sämtlichen Familienfotos die Augen auf und guckt wie eine erschreckte Comicfigur. Es gab eine Zeit, da habe ich ihn echt nicht gemocht. Aber zu der Zeit, habe ich mich selbst noch weniger gemocht. Ein Teenagermädchen im Haus zu haben ist hart. Eins zu sein ist noch härter. Als ich einmal in Mathe ein Referat halten musste (und ich kann nicht mit Zahlen umgehen), sagte er:

„Manchmal ist es egal, ob du es selber verstehst. Du musst es nur vermitteln können.“

Mein Papa arbeitet in der Chemieindustrie und ich bin mir nicht sicher, ob er sich jemals mit dem Periodensystem befasst hat. Das ist aber auch nicht der Punkt: Das wirklich Wichtige ist, dass er mir gezeigt hat, dass ich alles schaffen kann und es egal ist, wie verworren und sinnlos mir die Situation erscheint! Sogar Mathe. Er hat mich nicht zur Prinzessin erzogen, sondern Superwoman aus mir gemacht. Und er ist mein Superhero!

Dann gibt’s da noch meinen großen Bruder Robin. Letzte Woche waren wir zusammen im Urlaub und wir haben uns ein Hotelzimmer im Erdgeschoss geteilt. Mir war nachts so warm, dass ich die Tür zum Garten aufschob. Seine Reaktion:

„Du kannst doch nicht die Tür aufmachen!“

„Wieso denn nicht?“

„Hast du nicht von Maddie aus Portugal gehört? Die wurde auch nachts aus dem Hotelzimmer geklaut!“ (sehr ernster Gesichtsausdruck!)

„Robin, du bist ein erwachsener Mann! Mal davon abgesehen, will dich niemand klauen!“

Ich weiß manchmal nicht, was in seinem Kopf vorgeht, aber seine schrägen Gedanken erhellen meine dunkelsten Tage!

Neulich habe ich jemanden von meinem heimatlichsten Heimatsmoment erzählt und jetzt gerade kommt mir in den Sinn, dass meine Familie vielleicht gar nicht weiß, welcher das ist: Es war ein kaltes Herbstwochenende, Mama hat uns, meinen Bruder und mich, auf der Couch geparkt und in Kuscheldecken verpackt. An dem Abend lief Der kleine Vampir im Fernsehen. Wir haben zu viert Waffeln gemacht (mit Nutella und Kirschen, ein Traum). Das ganze Haus roch nach dem frischen Gebäck und nach ganz viel Liebe.

Apropos Liebe: Sagt euren unperfekten Familien doch mal, dass ihr sie liebt!

Larry Li https://unsplash.com/@larryli

Ronja Ebeling

Hello, it's Ronny! Ich mache zurzeit mein Volontariat bei Gala Online in Hamburg. Obwohl ich damit schon gut ausgelastet bin, kann ich Derbleu.com einfach nicht links liegen lassen. Diese Website ist meine kreative Spielwiese: Hier steckt viel Herzblut, Gedankengut und Zeit drin.

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