Unsere alten Narben

(No scars to your beautiful)

Eine Brandnarbe unter der Brust, eine am unteren Rücken. Eine Schramme an der Hüfte, als Beweis, dass ich kein Fahrrad fahren kann. Eine weitere am Bein, als mein eigener Hund mich mit Zähnen geküsst hat. Drei kleine weiße Punkte am Handgelenk. Etliche kleine Narben an Armen und Beinen von der Tierschutzarbeit im Ausland. Dann noch eine lange Narbe am Hals. „Es gibt Bioil. Das wirkt Wunder! Man kann sie außerdem auch weglasern lassen!“.

Wer Brad Pitt in Troja gesehen hat weiß, wie heiß Narben sind. Jede Frau liebt es seit jeher dem Mann nach dem Sex mit dem Finger über seine alten, längst verheilten, aber immer noch sichtbaren Wunden zu streicheln und sich dabei die Geschichten anzuhören, wie der Held gegen drei Bären gleichzeitig gekämpft habe und alles nur, um dem kleinen Mädchen die verlorene Puppe wiederzubringen. Narben stehen für überlebte Kämpfe und Schlachten. Naja, oder einfach nur für das gelebte Leben.

Selbst wenn die Männer sich das Wundmal besoffen bei irgendeiner hirnzerreißenden Aktion zugezogen haben, stempelt die Gesellschaft das als attraktiv ab. Sobald ein Mädel sagt, sie habe die Macke auf der Stirn von einem Beerpongabend ohne Grenzen, wird sie bemitleidend angeguckt und das Ganze wird mit einem „Schmink einfach drüber!“, abgetan. Aber können wir Frauen nicht genauso stolz auf unsere Schrammen und Andenken sein? Zumal unsere Narben meistens nicht das Ergebnis von Trinkspielen sind, sondern zum Beispiel der Beweis, dass ein Kind zur Welt gebracht wurde und wir ein Leben geschenkt haben? Wie kann unsere Gesellschaft so etwas verachten und als hässlich ansehen? Die entstandenen Dehnungsstreifen am Bauch werden belächelt, als unschön abgestempelt. Aber wenn ein Kerl seinen Bizeps zu schnell trainiert und die Haut schon reißt, sind die kleinen weißen Striche ein Zeichen seiner Stärke. Aber wer war denn nun wirklich stärker?

Wenn meine Freundin gefragt wird, was sie da am Handgelenk habe, sagt sie „Erinnerungen“. Erinnerungen an einen Kampf ums Leben, den sie triumphierend gewonnen hat. An meinem eigenen Körper kann ich die Narben wie Medaillen zählen. Ich trage meine verheilten Wunden wie den teuersten Schmuck. Es gibt keinen Grund sich für etwas zu schämen, das wir überlebt haben, denn die kleinen Kratzer machen uns zum Unikat.  Frauen und Männer.

Ronja Ebeling

Hello, it's Ronny! Ich mache zurzeit mein Volontariat bei Gala Online in Hamburg. Obwohl ich damit schon gut ausgelastet bin, kann ich Derbleu.com einfach nicht links liegen lassen. Diese Website ist meine kreative Spielwiese: Hier steckt viel Herzblut, Gedankengut und Zeit drin.

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