Zu alt fürs Body Shaming

Die erste Hitzewelle nutzend finde ich mich am Freitagnachmittag auf dem Flachdach der Viergeschosswohnung einer Kommilitonin wieder. Um die letzten Stunden vor der Lernphase noch einmal zu nutzen, werden auf dem Weg Richtung Förde-Ostufer im erstbesten Kiosk „Downstairs“ an der St. Jürgen Treppe zwei Flaschen 2,95€-Weißwein mitgenommen. Allein der Weg zur Freundin ist bei der krassen Sonne in meinen Augen eine Leistung, die es mit angetauten Eishimbeeren und der Weinempfehlung des Tages (und der Kioskverkäuferin) zu feiern gilt. Auf den letzten Metern fällt mir dann auf, dass das Flachdach der Viergeschosswohnung ja auf dem Dach einer fahrstuhllosen Viergeschosswohnung liegt. Aber kämpferisch wie von mir gewohnt, erklimme ich auch diesen „Gipfel“.

Da liegen wir also. Beide in Shirt, Shorts und Schuhwerk. Bei 30°C. Moment, das kann doch nicht sein! „Ok, ich bin zu alt fürs Body Shaming, kann ich mich bitte ausziehen?“ „ähm ja klar, ich habe aber keinen Bikini mit hochgenommen“ „und ich keine Badehose, ´n Schlüpfer tut´s doch auch und deine Brüste und BH stehen doch nicht deiner ersten Sommerbräune im weg, oder?“. Schwupps sind die unnötigen Klamotten zu Kissen umfunktioniert und wir dabei, uns nacheinander gegenseitig den Rücken einzucremen. Ein paar Satzfetzen aus der zugehörigen Konversation: „Oh, ja ähh, da habe ich Dehnungsstreifen.“ „Ja, hab schon gesehen, die gleichen habe ich auch, warte, wo waren die“ … „Guck mal, wie viele Bauchfalten ich im Sitzen habe, aber wer rechnet denn auch damit, dass der Körper schon im Mai in Sommerform sein muss“ „Für wen denn? Im Liegen sieht man doch eh immer schlank aus und alles andere ist menschlich“ „Hast Recht, ich bin auch echt erstaunlich zufrieden mit mir, klar gibt es Stellen, an denen ich gerne arbeiten würde, aber ist mir dabei egal, was andere denken“ und das hat sie wirklich so gesagt, ohne Flachs!

So geht der Dialog weiter und wir stellen fest: Wir haben keine Probleme mehr damit, unsere Körper der Strandbevölkerung oder den Umkleidekabinenkolleginnen und Kollegen zu präsentieren. Wir, die doch wirklich zu häufig vor dem Spiegel stehen und uns die Stellen an unseren Körpern, welche absolut nicht in unser Idealbild von Body passen, in den Kopf einbrennen und auch den Tag über nicht vergessen, haben doch eingesehen, dass wir trotz eigener Kritikpunkte keine Scheu vor Beobachtern mehr haben. Unsere Körper finden wir nicht perfekt, da kann noch dran gearbeitet werden, aber soll sich keiner an unserem Anblick stören. Selbst wenn, was soll man machen, warum sollte ich für jemand anders gut aussehen?

Wann bitte ist diese Erkenntnis gekommen? Danke!

Hannes Marxen

Norddeutscher Azubi / Student, Musiker und Blogger. Jeden Besucher lade ich herzlichst zum gemeinsamen Kaffeetrinken ein. (die Kulisse wähle ich und Reise- sowie Unterkunftskosten übernimmt der Besucher)

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