Neidkultur Deutschland

Die Ferien haben begonne. Abstand – „Entfliehen“ vom Alltag der letzen Monate  hinein in eine andere, häusliche Monotonie. Zurück in die Heimat. Prüfungen – Hinter mir. Großstadt – Hinter mir. Ich sitze in dem Zimmer, das immer mein Zimmer war seitdem ich drei Jahre alt war und gucke hinaus – höre zu. Auf der Straße neben unserem Vorgarten fahren drei Kinder auf Fahrrädern, die Luft bewegt die Bäume und Hortensien, ein wenig entfernt hört man einen Mann bei der Gartenarbeit.

Eine romantische Idylle, wie sie Fontane sich nicht besser hätte ersinnen können.

In mir kommt die Frage auf: Ist das hier mein Zufluchtsort von der Großstadt oder ist die Großstadt mein Zufluchtsort von dem hier? Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube beides stimmt. Ich brauche beides in meinem Leben UND habe das Glück, beides erleben zu dürfen. Vor einigen Tagen sah ich eine Dokumentation bzw. Reportage über am Existenzminimum lebende Familien. Nach den dreißig Minuten, in welchen man über die für mich schier nicht nachvollziehbare Verzweiflungen der Familie, da ich solche nie erleben musste, deren Problemen, informiert worden war, ließ mich der Gedanke an diese Familie nicht mehr los. Ich spreche hier nicht von einem „OH ZUM GLÜCK GEHT ES MIR NICHT SO“- Gedankengang, der durch die Tricks der Fernsehindustrie in jedem Zuschauer für eine Dauer von maximal fünfzehn Minuten nach dem Ansehen einer solchen Reportage hervorgerufen wird, sondern von einem wirklichen Herumtragen und Hineinversetzen in eine solche Lage. Vollkommen gelang mir das natürlich nicht. Als ich mich weiter mit diesen Gedanken beschäftigte trat eines immer mehr in den Vordergrund: der Vergleich mit mir selbst.
Wir gucken alle immer nur nach oben, wer hat dies besser, war kann sich das leisten und wir verkommen mehr und mehr zu einer Neidkultur. Was für mich normal ist, scheint für andere Menschen undenkbar. Genauso ist der Lebensstandard anderer Menschen für mich undenkbar. Wir streben alle danach, in der Nahrungskette des Prestiges mehr und mehr aufzusteigen, ohne dabei uns selber im Blick zu haben.

Das Klischeehafte “mehr im JETZT leben“ stimmt.

Macht euch selber bewusst, was ihr habt, ohne dabei zu denken „Oh zum Glück habe ich dieses oder jenes und Person XY hat dies nicht“, sei das „dieses und jenes“ nun materieller oder emotionaler Natur, vergleicht euch nicht, sondern seht, was ihr besitzt und erfreut euch daran. So schätze ich mich sehr glücklich, hier zu sitzen während sich die Hortensien und Sträucher weiter im Wind bewegen.

timstolte

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