Review: Jen Gloeckner – VINE

Aufgenommen und produziert im Schlafzimmer, aber mit mehr Raum im Klang, als die breite Masse an Musik, die uns täglich aus den Profistudios der Welt erreicht. Jen Gloeckners drittes Album VINE ist im ersten Moment keine leichte Kost, auch wenn Titel wie „Ginger Ale“ den Hörer direkt fesseln. Die Singer- Songwriterin spielt mit Rhythmik, Harmonie und Dynamik, wie wir es nur von Größen wie Björk kennen. Dazu kommt das große Instrumenturbovabohu, welches Jen in vielen Songs absolut ausreizt. Vermengt mit der häufig kurz vorm Zerreißen feinhauchigen Stimme der Sängerin schweben viele der Tracks auch noch Stunden nach dem Abspielen im Raum.

Die elf Songs scheinen für eine LP zuerst etwas spärlich, aber wird jeder Ersthörer mit den Titeln schon genug zu tun haben. 39 Minuten bieten die CD, Vinyl oder der Downloadordner, sollte man sich aber mehr Zeit nehmen. Auf den ersten Metern noch einfachere Titel wie „Counting Sheep“ entpuppen sich zu aufwendigen und durchdachten Stücken, sodass auch bei mehrmaligem Hören kaum alle Nuancen gefunden werden, welche Gloeckner mit eingebracht hat. Generell hat die Amerikanerin ein Händchen dafür, Ihre Gemälde so weichzuzeichnen, dass Instrumental- sowie Vokalteile häufig ungewohnt stark verschwimmen. So sind die wenigen Momente, in welchen ihre Stimme auch nur für einen Augenblick klar, unbearbeitet und halllos im Raum steht, in diesem Album wirklich etwas herausstechendes und man genießt diese auf eine viel bewusstere Art.
Musikalische Besonderheiten finden sich in den Tracks häufiger, „Ginger Ale“ bewegt durch die extreme Tiefe, die durch die Mehrstimmigkeit erzeugt wird, platt darauf liegt die Snaredrum, welche vorantreibt und dem Song eine massentaugliche Ebene verleiht. So probiert sich Gloeckner in den einzelnen Titeln immer wieder anderes aus. In „The last Thought“ bringt sie neben amerikanischer Einfachheit auch einen asiatischen Touch ein und gibt so den Instrumentalteilen etwas Abwechslung. Ebenso wirkt der Violineneinwurf in „Counting Sheep“ – Gloeckners derzeitig erfolgreichstem Titel (laut Spotify) – neben Harfe, Synthi, Gesang und massig anderen Audioeffekten lösend. Lösend von dem Drumherum, welches man beim Hören von VINE außen vor lassen sollte.

Was kann Jen Gloeckner, was andere nicht können?
Kreativität und Tiefe, nicht textlich, aber musikalisch. Sie weiß, wann die Instrumente leise oder schief, ihr Gesang klar und das Schlagzeug ballern muss, damit ihre Message funktioniert. Wenige Titel sind zum Nebenbeihören gemacht, „Blowing Through“ und „Row With The Flow“ bedürfen keinem aufmerksamen Hörer, eher wirken sie wie der letzte Tanz am Abend des Abschlussballes am Ende eines Teeniefilmes. Nicht weil sie so einfach oder platt sind, sondern weil sie dem Publikum erlauben, sich nebenbei auch auf anderes zu konzentrieren. Einstiegstitel „Vine“ bedarf mehr Aufmerksamkeit und etwas Geduld, da zuallermindest dieser Titel zum Gewöhnen an Jen Gloeckners Gesangsstimme nötig ist. Diese weiß sie in allen Emotionslagen genau einzusetzen, aber ist die Sicherheit, welche sie beim Singen an den Tag legt, bei einer hauchig-heiseren Stimme wie ihrer ungewohnt. Nachdem man aber ihr Gesangsorgan kennengelernt hat, darf man eine tolle Zeit damit verbringen. Kein Moment, den ich diesem Album geschenkt habe, bereue ich.

Jen Gloeckners Musik ist nicht für Chartplatzierungen oder die breite Masse der Hörerschaft geschrieben, dessen wird man sich in der ersten Minute bewusst. Weniger düster als in ihren vorherigen Alben, aber weitaus komplexer bringt die Sängerin eine ganz besondere Stimmung in den Raum, die trotz der Vermischung von E-Gitarre, Violinen und allen denkbaren Audioeffekten in sich stimmig ist. Wer heute also nichts mehr vor hat, fühle sich herzlich eingeladen, sich VINE einmal hinzugeben. Die besonderen Momente des Albums VINE sind die, in welchen Jen Gloeckner aus ihrem weichgezeichneten Gesangs- und Instrumentennebel heraussteigt und ihre klare Stimme präsentiert.

Pflichthörprogramm: „Vine“, „Ginger Ale“, „The Last Thought“ und „Prayers“.

 

 

Hannes Marxen

Norddeutscher Azubi / Student, Musiker und Blogger. Jeden Besucher lade ich herzlichst zum gemeinsamen Kaffeetrinken ein. (die Kulisse wähle ich und Reise- sowie Unterkunftskosten übernimmt der Besucher)

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