colette schließt nach 20 Jahren – Eine Lehre fürs Leben

Vor wenigen Tagen schloss der erste und erfolgreichste Concept-Store dieser Welt. Das mehrstöckige Eckgebäude der Rue Saint Honoré in Paris, das 20 Jahre lang das Zuhause von « colette » war, hatte 1997 eröffnet und das Konzept des Fashionstores komplett revolutioniert. Doch warum können wir aus der Entscheidung, den wohl ergiebigsten Laden in Paris in seiner besten Zeit zu schließen, etwas für unser eigenes Leben lernen?

Flashback ins Jahr 1997. Die Rue Saint-Honoré ist die Shopping-Meile für wohlhabende Franzosen und Touristen, die sich exklusiv dem Luxussegment widmen. Die Nummer 213 ist ein weißes Hochhaus, das schon seit langer Zeit leer steht. Überhaupt begibt sich kein Mensch bis in diesen Teil dieser Straße. Es ist ein no man’s land. Danach gibt es nur noch Wohnungen und die Kirche Saint-Roch – vor Yves Saint Laurents Beerdigung 2008 vielen Modemenschen noch kein Begriff.

Colette und Sarah Rousseaux, Mutter und Tochter, laufen täglich an der leeren Vitrine des Hauses Nummer 213 der Rue Saint Honoré vorbei. Sarah ist Studentin, Colette hat ihre eigene Firma. Beide reisen viel und merken währenddessen oft, wie wenig abwechslungsreich die Welt des Luxus in Paris geworden ist. Kleidung, Bücher, Beauty oder Accessoires: jede Kategorie hat eigene Läden, nur die großen Kaufhäuser bieten dank ihrer riesigen Ladenflächen eine breite Spanne an Produkten an. Colette und Sarah entwickeln auf einmal eine verrückte Idee: Sie wollen all das, was sie während ihrer Reisen nur in den verschiedensten Shops finden sowie alle Produkte der Luxuswelt, die in Paris nur getrennt gekauft werden können, unter einem Dach zusammenbringen. Sie kaufen das Gebäude an der Nummer 213. Unter dem Vornamen der Mutter etablieren sie dort den ersten Concept-Store, den es bisher gegeben hat. Auf zwei Etagen werden Bücher, Kleidung, Lederartikel, Schuhe, Schmuck, Beauty-Produkte, High-Tech sowie die unnötigsten kleinsten Gadgets verkauft. Dabei hat alles einen einzigen Zusammenhang: Es ist exklusiv in diesem Shop kaufbar – und demnach auch maßgeblich teuer. Zudem soll ein Restaurant im Untergeschoss – die Water Bar – das erste Lokal sein, das den ganzen Tag lang Mittagessen anbietet – eine damals undenkbare Sache in den Pariser Brasseries.

Wer hätte gedacht, dass aus solch einer Idee, ein Pariser-Tempel des Geldes und der kreativen Macht werden würde? Jahrelang werden das Sortiment und die mittlerweile weltweit berühmten Vitrinen wöchentlich geändert.  Sarah – die mittlerweile den Nachnamen Andelmann trägt – ist Kreativdirektorin des Ladens und weiß Marken auszuwählen, die entweder momentan heiß begehrt, oder am Erblühen sind. Retrospektiv sieht sie „colette“ als ein wöchentliches Magazin, das sich alle 7 Tage neu erfand und jede neue Woche mit den eklektischsten Entdeckungen füllte.

Über eine mögliche Expansion haben die beiden Gründerinnen oft nachgedacht. Jedoch um jedes Mal zum Schluss zu kommen, dass es besser ist, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Ihre gesamte Energie widmeten sie also dem Pariser Shop sowie dem Online-Bereich des mittlerweile als Marke gesehenen Namens.

Die Kooperationen des Concept Stores sind sehr erfolgreich und binnen weniger Stunden ausverkauft. Zusammenarbeiten mit den größten Namen der Modeindustrie – Hermès, Chanel, Saint Laurent, aber auch Schriftsteller, Photographen, Designer – erhöhen die unglaubliche Exklusivität der Marke.

Doch wieso schließen die beiden Gründerinnen diesen Treff aller asiatischen Touristen und der französischen reichen Bourgeoisie? Ganz einfach: Weil man eine Party am besten an ihrem Höhepunkt verlässt. Nur so werden die besten Erinnerungen behalten und jegliche ressentiments vermieden. Auch die Gesundheit der Mutter, Colette Rousseaux, ist ein Faktor in dieser Entscheidung. In einem Pressestatement erklärte die Firma dies auf folgender Art und Weise: „Colette Roussaux has reached the time when she would like to take her time; and colette cannot exist without Colette.“

colette forever paris

„colette“ ohne Colette funktioniert nicht. So wie colette nicht funktioniert, wenn es sich weiterhin demselben Schema widmet. Finanziell vielleicht schon, aber in den Köpfen der beiden Gründerinnen nicht. Zehn Jahre nach der Eröffnung schloss der Shop, um vollkommen renoviert zu werden. Das Licht wurde besser, die Verkaufsfläche radikal geändert. Wieder zehn Jahre später schließt der Laden endgültig. Auch die Website ist seit dem 20. Dezember verändert und beinhaltet keinen Online-Shop mehr.

„We could either radically change everything or decide to turn the page.“ Sarah Andelmann, BOF Voices 2017

In einer Zeit, wo Marken immer wieder von neuen Designern zum Leben erweckt werden sollen, wo alles in einer Art künstlichen Beatmung weitergeführt wird, bis das Herz des eigentlichen Konzeptes aufhört zu schlagen, ist die Entscheidung „Stopp“ zu sagen, ein Beweis von Authentizität. Die Firma colette konnte sich 20 Jahre lang treu bleiben, ohne Colette, der Gründerin, ist es jedoch nicht mehr möglich. Somit wird sich Sarah Andelmann demnächst alleine neuen Projekten widmen. Ihre neue Consulting Firma namens „Just an idea“ wird ihre Zusammenarbeit mit den Künstlern und Marken, die sie von ihrer Zeit an Colettes Spitze noch kennt, weiterführen.

Auch für Außenstehende ist dieses Konzept des Loslassens eine Lehre fürs Leben. Lernen, im richtigen Moment aufzuhören. Keine Angst davor zu haben, etwas zu verpassen, weil das Beste nur auch als solches in Erinnerung bleibt, wenn wir nicht immer weiter nach dem Besseren suchen. Ein Kapitel abzuschliessen, um ein neues zu öffnen, kann manchmal bereichernder sein, als ewig die selbe Aktivität fortzuführen.

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

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