20 Jahre Deutschrap – der Begriff im Wandel der Zeit

Der Begriff für eine musikalische Strömung entsteht meist erst Jahre später und die eigentlichen Vertreter dieser Szene identifizieren sich mit ganz anderen Worten – beim Deutschrap ist das ein bisschen anders.

Vor genau 20 Jahren wurde Deutschrap erfunden. Bevor jetzt alle Rap-Liebhaber aufschreien: nur der Begriff Deutschrap.
Die heute absolut gängige Bezeichnung für deutschen Hip-Hop wurde im April 1998 gedropt – in den legendären Räumlichkeiten der damaligen Juice-Redaktion.
„Heute vor 20 Jahren fiel mir ein Wort ein, welches ich in Zukunft benutzen wollte: Deutschrap“, erklärt Sven „Katmando“ Christ,, Juice-Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur, auf Facebook. „Die Musik dazu gab es schon lange, ‚Deutscher Rap’, doch wenn man den Begriff ausspricht, rollt einem gleich das R hinterher, es klingt einfach grauenhaft.“

Der Hintergrund: Im Mai 1997 sollte die 3.Ausgabe der Juice mit einem Schwerpunkt über Rap in Deutschland erscheinen. Auf dem Cover: Michi Beck, obwohl die Fantas damals als Popmusik abgestempelt wurden. Der Titel bestand aus einem Wort in der Mitte des Covers: Deutschrap!

20 Jahre später hat sich die Hip-Hop Szene weiterentwickelt und mit ihr auch der Deutschrap. Gerade in den letzten Jahren sind immer mehr neue Vertreter hinzugekommen und somit auch neue Einflüsse, neue Sounds. Somit stellt sich die Frage ist Deutschrap zwei Jahrzehnte nach seiner Taufe überhaupt noch seinem Namen würdig?

Den großen Richtungswechsel kann man wohl Clueso zuschreiben. Ja richtig, denn der Mann kommt tatsächlich vom Rap um erst dann Singer/Songwriter zu werden. Genau dieser Wandel darf auf die Szene übertragen werden. Denn diesen Weg sind durchaus noch andere Musiker gegangen, OK Kid beispielsweise, andere sind zumindest stilistisch noch nah dran am Hip-Hop wie Prinz Pi, Muso oder Gerard MC. Wie genau sie sich selbst definieren mögen, alle versuchen eine Nische zu finden zwischen dem fast nervig positiven Hip-Hop von Cro, dem vergleichsweise depressiven Indie-Rock-Rap von Casper und dem Ego-Forschenden Marteria. Der bis dahin stilprägende laute und schroffe Gangster-Rap der deutschen Szene, verlor an Dominanz und geriet in den Hintergrund. Es wurde eine Deutsch-Rap Ära eingeleitet, die es wieder wagte, von Gefühlen und kleinbürgerlichen Lebensentwürfen zu berichten.

Aber nicht nur inhaltlich, auch musikalisch hat das Klischee des Schroff-Seins und der lauten Beats, die den traditionellen Hip-Hop immer noch bestimmen, nicht mehr die Oberhand. Als Cro vor einigen Jahren die Charts stürmte, setzte in der Hip-Hop Fachpresse eine Diskussion ein, ob der Mann mit der Pandamaske überhaupt ein Rapper sei oder bloß ein Popstar. Wir erinnern uns an das Jahr in dem der Deutschrap erfunden wurde. Die Fantas wurden auch lange Zeit belächelt und nicht als Rapper ernst genommen. Hat sich also doch nicht so viel verändert?
Der Flow der neuen Rapper ist nicht mehr von Wut geprägt, sondern von einer Nachdenklichkeit, die nicht mehr viel mit Immigrationshintergrund und Schulhof-Prügeleien zu tun hat.
In den Texten wird nicht mehr thematisiert, wie Reichtum durch Verbrechen und Geldwäsche erreicht und durch protzige Autos gezeigt wird. Der emotionale Reichtum scheint dem neuen Rap viel wichtiger. Oder?

So leicht gesagt ist es 2018 dann auch nicht mehr. Deutschrap adaptiert immer mehr Sound und Content vom amerikanischen Pendant. Denn Overseas wird Rap immer experimenteller und schlägt viele neue Richtungen ein. „Das kommt beispielweise durch Künstler wie $uicideboy$, Lil Peep, XXXtentacion und viele andere. Ich glaube, dass wir gerade erst in den Startblöcken von diesen neuen Wellen sind“, sagt ISIE, Deutschrapper der neuesten Generation. „Ich habe einigen Künstlern dabei zugesehen wie sie nach Jahren endlich in den Mainstream eingetaucht sind, ein gutes Beispiel dafür ist Post Malone. Gerade ist die perfekte Öffnung für neue Künstler, die experimentell genug sind, um sich ihren eigenen Weg zu bahnen!“

Der Begriff Deutschrap ist selbst nach 20 Jahren also keineswegs eingestaubt oder veraltet. Er beschreibt immer noch genau das: den deutschen Hip-Hop, so experimentell dieser auch werden mag.

Neugierig auf neuen, experimentellen deutschen Hip-Hop? Im Januar kommt das Debütalbum von 1513 (ISIE). Wir halten euch auf dem Laufenden!

Josephine Bartels

Hi, ich bin Josi, 20 Jahre alt und studiere Modejournalismus. Zurzeit halte ich mich in Hamburg auf, bin Berlin gegenüber aber auch nicht abgeneigt. Ich schreibe hauptsächlich über Musik oder popkulturelle Themen.

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