Jil Sanders Ausstellung in Frankfurt: Präsens

Jil Sander hat als minimalistische Designerin Jahrzehnte der internationalen Mode geprägt. Die ehemalige Moderedakteurin konjugierte von Beginn an alle ihre Entwürfe gleich: im Präsens. Bis zum 6. Mai 2018 können diese im Frankfurter Museum für angewandte Kunst begutachtet werden.Wer ohne Führung durch die großräumige Ausstellung geht, wird sich über eines wundern: es sind keine Jahreszahlen zu finden. Jedes Kleidungsstück steht für sich, ohne eine begründende Zahl, die es in diesen oder jenen Trend kategorisieren könnte. Das Design spricht zum ersten Mal für sich. Und tatsächlich ist es fast unmöglich, genaue Daten mit den Entwürfen zu assoziieren.  Daher auch der Name der Ausstellung, Präsens. Jil Sander scheint in dieser Zeitform stecken geblieben zu sein. Aber ist es nicht genau das, was sich jeder Designer wünscht? Dass ihre Designs ewig aktuell und als nicht in Obsoleszenz geratene Reliquien gesehen werden?

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Eine ganz eigene Schnitttechnik

Je mehr Schnittstücke ein Schnittmuster enthält, desto günstiger ist auch seine Produktion: die maschinelle Anfertigung benötigt eine große Anzahl an Teilen, um schnell und effizient vorgehen zu können. Die meisten Mäntel von Jil Sander werden aus weniger als vier Schnittstücken gefertigt. Die manuelle und kostspielige Anfertigung des vollendeten Kleidungsstückes, trägt somit zum hohen Preis des Endproduktes bei. Jil Sander hat jedoch nicht des Preises wegen diese Vorgehensweise entwickelt. Die skulpturalen Formen, die ihre klassischen dunkelblauen Mäntel annehmen, verdanken wir tatsächlich den wenigen Schnittteilen. Die Ärmel und die Schultern des Mantels bestehen aus einem einzigen Stück Stoff. Die Abnäher befinden sich somit nicht an den klassischen Stellen. Wo man glaubt, dass nur Schulterpolster helfen können, kann auch alleinig der Schnitt des Grundstoffes ausschlaggebend sein.

Die Person, die sich hinter ihrer gleichnamigen Marke versteckt bleibt für viele ein Mysterium. Und zu Recht. Die mittlerweile 74-jährige pflegt eine unglaubliche Diskretion, die sehr Martin Margielas Umgang mit den Medien ähnelt. Sie akzeptiert nur sehr wenige Interviews und reduziert ihre öffentlichen Erscheinungen auf das Nötigste.

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Die Photographie als Vektor ihrer Vision

 Die Werbekampagnen von Jil Sander – in Zusammenarbeit mit Craig McDean und David Sims unter anderem – weisen die gleichen Eigenschaften auf. Die Sättigung oft auf schwarz-weiß reduziert, wird eine eigenwillige Person dargestellt, die das Zentrum des Bildes ausmacht. Obwohl mittlerweile absolut ikonische Models die Akteure ihrer Kampagnen sind, werden diese nicht nur auf diesen Status reduziert. Zudem wird nicht mit einer sexuelle Überdefinition des Körpers, sondern mit einer dezenten Erotik gespielt. Das Setting ist stets schlicht gewählt: ruhige geometrische Formen und monochrome Farben bieten einen Raum für die Selbstentfaltung des Models in der Inszenierung.

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Diese in den 80er Jahren fast avantgardistische Art und Weise, für minimalistische Kleidung zu werben, lädt den Betrachter ein, in sich zurückzukehren und sich von der hyperventilierenden Popkultur zu lösen.

Photos: Jessica Ginter und Hanna Lüthi

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten in London oder Paris für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

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