Designerwechsel: Was wir unter Hedi Slimane bei Céline erwarten können

Heroin chic versus minimalistische Strenge. Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Wieso die Luxusgruppe LVMH sich dazu entschieden hat, die langjährige Kreativdirektorin des Labels Céline, Phoebe Philo, durch Hedi Slimane zu ersetzen, bleibt vielen noch ein Rätsel. Dabei vereint die beiden eine ganz ausschlaggebende Charaktereigenschaft.

Zwei Autodiktaten

Als Hedi Slimane im März 2012 die kreative Leitung von Yves Saint Laurent übernimmt, ist noch kein Gewitter in Sicht. Journalisten und Kunden freuen sich eher über einen neuen Designer, der dem langsam verstaubenden Image des Hauses die Stirn bieten könnte. Hedi Slimane ist Fotograf und lebt in LA, vor allem ist er aber für seine Tätigkeit als Chefdesigner bei Dior Homme von 2000 bis 2007 bekannt. Seine Arbeit in diesem französischen Traditionshaus kreierte einen ganz neuen Dresscode für den Mann jeglicher sozialer Herkunft. Die durch Skinny-Jeans stark betonte androgyne Silhouette des Mannes wird zur Geltung gebracht – und zum prägendsten Ziel des 21. Jahrhunderts. Bands wie The Libertines oder Franz Ferdinand sind die besten Testimonials, die sich der Designer wünschen kann. Die langsam aufsteigenden Sänger und Musiker tragen den Stil und überzeugen letztendlich auch den untersten Konsumenten der Modekette von der Tauglichkeit der hautengen Hose.

Kurz nach seiner ersten Show für die Marke Yves Saint Laurent, kündigt er an, das auf der Rive Gauche etablierte Haus umbenennen zu wollen. Im Januar 2013 wird sein Wunsch zur Tat umgesetzt. An den ursprünglichen Namen der Marke – Saint Laurent Rive Gauche – angelehnt, wird nun das seit 1966 existierende Imperium in Saint Laurent Paris umgetauft. „Ain’t Saint Laurent without Yves“ war die Reaktion vieler jungen Aficionados von YSL. Dabei hatte Hedi Slimane genau das getan, was viele Chefdesigner noch nicht gewagt hatten: das Image einer Marke von null wieder neu aufzubauen.

Diese Fähigkeit lässt sich auch Mrs Philo zuschreiben. Als diese 2008 von Bernard Arnault persönlich gebeten wird, die eingeschlafene Marke Céline neu zu erwecken, hat die britische Designerin carte blanche. Das Modehaus Céline hat kein Archiv, keinen internationalen Ruf, rien du tout. Philo befindet sich also vor der herkulischen Arbeit, das gesamte Image einer Marke ohne ein schon bestehendes Fundament zu errichten. Die Innenarchitektur der Läden und das Logo werden geändert, schon bald kommt eine erfolgreiche Handtasche auf den Markt. Die Box Bag ist klassisch, praktisch, man könnte sie schon fast als langweilig konventionell bezeichnen. Dabei geht es hier um so vieles mehr als das. „Meine Arbeit hat nichts mit dem Äußeren der Frauen zu tun, sondern mit ihrer Macht.“ Diese erste It-Bag für Céline von Phoebe Philo, soll nicht ein Trendteil sein, das wie die meisten Bestseller irgendwann nur noch einer bestimmten Saison zugeschrieben wird. Es soll ein Statement für die Kundinnen der Marke sein: Philos Accessoires sind made to last. Die Box-Bag wird bald von der Luggage-, Trio- und Phantom-Bag eingeholt. All diese Modelle werden zu Klassikern, die über Jahre lang getragen werden. Durch ihre minimalistische Klassik entfernt Phoebe Philo die Céline-Kundin vom sexualisierten Frauenbild. Formbeständige lange Mäntel, das erstmals 2013 von ihr verwendete Karo-Muster, bequeme Slip-Ons und Platform Sneaker verwandeln das Bequeme in etwas Ästhetisches.

Bequemlichkeit ist nicht gerade die oberste Priorität von Hedi Slimane. Seine ersten Silhouetten für Saint Laurent waren ganz klar vom heroin chic geprägt, das daraus resultierende Frauenbild sehr verschieden im Vergleich zu Philos Vision bei Celine, jedoch erfolgreich.

Dass Slimanes Ankunft bei Céline eine große Veränderung mit sich bringt, ist demnach nicht umgehbar. Die erste wird in den verschiedenen Linien des Hauses stattfinden. Die schon bestehende weibliche Ready-to-Wear- und Handtaschenlinien werden von Haute Couture, männlichem Prêt-à-Porter sowie einer Reihe Parfums ergänzt werden. Phoebe Philo hat immer auf die Zeit bestanden, die sie als Mutter von drei Kindern einfach braucht. Die vier jährlichen Kollektionen für Céline sind zu einem Rhythmus geworden, der auch seinen Orchestermeister respektierte: Philo hatte Zeit, sich um ihre drei Kinder zu kümmern und ein Privatleben zu führen. Slimane hat keine Kinder. Er hat einen Job.

Slimane besitzt wie Philo ein Gespür für bestseller Accessoires – ein großer Pluspunkt für den französischen Designer. Wie Saint Laurent findet nämlich auch die Marke Céline durch diesen Weg einen Platz in den Kleiderschränken weniger wohlhabender Kunden. Accessoires sind und bleiben der Einstieg für jeden potenziellen Käufer.

Aber welches Frauenbild wird Slimane für Céline entwickeln? Ein Touch Männlichkeit und regelmäßige Entleihe aus der männlichen Garderobe koinzidieren in der Arbeit von Philo und Slimane. Demnach ist zu hoffen, dass das Image einer working woman erhalten bleiben wird. Haute Couture, sowie die Eröffnung einer männlichen Linie, werden sich für die Luxusgruppe LVMH – die u.a. auch Céline besitzt – als neue Einkommensquellen herausstellen, falls die Kreation qualitativ hochwertig genug angegangen wird und nicht alle „Philophiles“ der Designerin zur nächsten Marke folgen und Céline vernachlässigen.

„Céline entspricht einer Milliarde Umsatz. Mit Hedi Slimane möchte ich auf zwei bis drei Milliarden kommen, um diese Marke als einer der wichtigsten weltweit zu positionieren.“ – Bernard Arnault, Generaldirektor und Besitzer von LVMH

Bereits im Dezember 2017 wurde der Launch des ersten offiziellen Online-Shops der Marke angekündigt, seit Januar 2018 sind Céline-Handtaschen und -kleidungsstücke auch auf 24sevres.com – dem Onlineshop des Pariser Bon Marché, der sich auch im Besitz von LVMH befindet – kaufbar.

Im September 2018 werden wir Slimanes erste Kollektion für Saint Laurent entdecken dürfen. Bis dahin werden die Stocks der Trio-Bags sehr wahrscheinlich ausverkauft sein. Die „Philophites“ wissen, was sie wollen. Sie sind bereit, das dazu nötige Geld auszugeben. Phoebe Philo hatte den dazu gehörigen Dreh herausgefunden. Mal sehen, was Slimane aus seiner neuen Goldmine machen wird.

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten in London oder Paris für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

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