Editorial: Peter Pan Remastered

Auf der Klingel stand „Neverland“. Ich sah nochmal auf mein Handy und verglich die Hausnummer. Un ja, es war die richtige Adresse. Ich klingelte. Lange passierte nichts. Dann ein Knacken. Die Gegensprechanlage fing an zu rauschen.

„Hallo?“

„Ehm, hi“, ich räusperte mich: „Ich bins Wendy?“

„Komm rauf, musst ganz nach oben“

Die Tür summte.

Als ich im letzten Stockwerk ankam, war die Tür zum Dachboden schon geöffnet. Ich klopfte, bevor ich eintrat. Peter P. und Lilly T. hörten Punk-Rock und tranken Bier. Sie gehörten zur „Neverland-Gang“, einem Künstlerkollektiv, das sich aktiv gegen das Erwachsenwerden wehrte. Sie begrüßten mich freundlich und boten mir etwas zu Trinken an. Ich nahm einen Schluck.

„Ihr wohnt hier aber nicht, oder?“

Peter schüttelte den Kopf: „Ne, ist nur temporär gemietet. Wir brauchten einen Ort für die Flight-Outs!“

„Ah!“, meinte ich nur.

Ich hatte online davon gelesen. „Flight-Outs“ waren die inszinierten Partys des Kollektivs. In den YouTube Videos haben sie mich an Techno_raves oder an die ausgelassene Clubszene des CBGB erinnert. Es wurden alle erdenklichen Drogen konsumiert und ich meinte sogar, in einem Video ein echtes Krokodil gesehen zu haben. Ich sah mich ein Wenig um. Bei Tageslicht wirkte der Dachboden nicht so mysteriös, wie auf YouTube.

„Kennt man die Band?“, fragte ich, als ein neuer Track anfing. Ich wollte von meiner Unsicherheit ablenken.

„Das sind die Lonely Boys, Freunde von uns. Das Lied heißt ‚The Flight‘ “, meinte Lilly schlicht. Ich hörte eine Weile zu. „Second to the right, and straight on till MORNING“, sang eine jungenhafte Stimme zu schroffen Gitarrentönen. Peter wippte leicht im Takt. Mir fiel auf, dass ich keine Ahnung hatte, wie alt die Beiden überhaupt waren. Ich konnte es nicht einschätzen. Sie waren sehr zierlich und passten nicht in ihre Klamotten. Sie sahen fast aus wie Kinder.

„Also Wendy, du hast ein Atelier?“, fragte Lilly plötzlich. Ich zuckte zusammen.

„Ehm, ja genau. Also ich nicht, sondern meine Chefin. Ich darf nur die ganze Arbeit für sie machen.“ Ich kicherte nervös. Die Zwei verzogen keine Miene, sondern sahen mich ruhig und erwartungsvoll an.

„Auf jeden Fall würde sie gerne eure Fotografien ausstellen!“

„Oh, sowas machen wir nicht“

„Achso okay?“ Ich war verwirrt.

„Das tun nur Erwachsene. Wir möchten mit unserer Arbeit kein Geld verdienen. Wir machen alles nur zum Spaß!“

„Und von welchem Geld zahlt ihr dann die Miete hier?“

„Vom Schatz“, meinte Peter und nahm einen Schluck von seinem Bier. Es wurde mir zu blöd. Ich wurde scheinbar Teil einer Performance und da hatte ich jetzt wirklich keine Zeit für.

„Alles klar, falls ihr es euch anders überlegt- hier ist meine Visitenkarte!“ Ich drückte das Stückchen Pappe in Lillys Hand und ging. Sie winkten mir zum Abschied.

Im dritten Stock traf ich auf eine Fee.

Konnte dieser Tag noch absurder werden?

 

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Josephine Bartels

Hi, ich bin Josi, 20 Jahre alt und studiere Modejournalismus. Zurzeit halte ich mich in Hamburg auf, bin Berlin gegenüber aber auch nicht abgeneigt. Ich schreibe hauptsächlich über Musik oder popkulturelle Themen.

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