Im Rückwärtsgang in die Zukunft

Um uns herum zücken Passanten ihre Handys, die Fotoapparate blitzen und ein erstaunter Blick macht sich in den Gesichtern der Leute breit. „Da gewöhnt man sich schnell dran!“, erklärt mir Wolfgang Lindner direkt. Es liegt aber weder an ihm, noch an mir, dass wir die gesamte Aufmerksamkeit Mallorcas Straßen auf uns ziehen.

Wir sitzen in einem Auto, das so mancher Kenner wohl als „Schmuckstück“ bezeichnen würde. Der Loryc im Look der 20er Jahre ist mit hochmodernen Elektrotriebwerken ausgestattet, die mich zunächst fragen lassen, ob der Motor denn überhaupt an sei, als wir fast geräuschlos vom Parkplatz auf die Straßen  Alcudias rollen.

Ein Elektroauto mit Geschichte

Um den Hintergrund dieser Carrosse zu verstehen,  ist eine Fahrt in die Vergangenheit nötig: Die spanisch-mallorqinische Automarke Loryc ist 1925 bankrott gegangen, hinterließ aber viele Fans. Darunter den deutschen Unternehmer Charly Bosch, der 2013 beschloss, sein eigenes Elektroauto im Design des Loryc aus den 20er Jahren zu entwickeln.

innen

Wolfgang Lindner, der ehemalige deutsche Rennfahrer und Motorsport-Kenner, steht ihm dabei zur Seite und erklärt mir bei unserer Probefahrt, dass bei diesem Auto die reine Freude am Fahren im Vordergrund steht. „Hier ist weniger ganz klar mehr: Es gibt keinen Park-Assistenten, weder Servolenkung, noch Surround-Soundsystem, … Dieser ganze Kleinkram und sogar die Türen fehlen! Das gab es in den 20ern eben auch nicht.“

Mir wird schnell klar, dass es  um das Gefühl von Zeitreise und Abenteuer geht. Während wir durch die Berglandschaften der Baleareninsel fahren, sehe ich die Bremslichter der Autos vor jeder Kurve kurz aufleuchten. Wir hingegen, fahren in einem Schwung durch. Das Fahrzeug reduziert die Geschwindigkeit sobald der Fuß das Gas verlässt und bremst durch reine Motorkraft. Ergebnis ist ein entspanntes Fahrgefühl, das nicht auf das Konto unserer Umwelt geht.

Stillstand statt Fortschritt

Aber wenn Elektro so einfach und entspannt funktioniert, warum machen wir dann nicht mehr davon? Nachdem Deutschland sich in den vergangenen 50 Jahren einen Namen in der Automobilbranche gemacht hat, hängen wir nun zurück und scheinen die Ziellinie zu verfehlen. Es scheint, als würde sich die Industrie auf alten Erfolgen ausruhen und das Mantra vor sich her blubbern: „Solange der Kunde kauft, machen wir das Richtige.“ Aber wird an dieser Stelle nicht Verantwortung gegenüber der nächsten Generation vergessen? Es scheint, als fahren wir im Rückwärtsgang in die Zukunft.

Seit den Achtzigerjahren hat sich der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch von PKWs von über zehn Litern pro 100 Kilometer nur um zwei Liter auf 7,3 gesenkt. Eine Zahl, die erheblich größer sein müsste. Allerdings kostet Entwicklung Geld und solange der Kunde nicht umdenkt, sehen sich Politik und Industrie nicht in der nötigen Verantwortung zu handeln und in Forschung zu investieren. Was wir brauchen, sind keine Handbremsen, die sich auf Sprachbefehl lösen, sondern eine Revolution in Form von Elektrik.

Hoffnung auf Veränderung gibt der BMW i8 Roadster, dessen Besonderheit unter anderem an dem innovativen, mehrfach ausgezeichneten Plug-in-Hybridantrieb liegt. Der lässt das Fahrzeug mit 275 kW (374 PS) in 4,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h schießen.

Aber auch China legt vor, denn hier tummeln sich etliche Automobilstartups, die große Geldgeber und Regierungen hinter sich haben und dadurch jede Menge westliche Ingenieure für sich gewinnen. Mit neuen Projekten haben sie das Potenzial E-Auto Pionier Tesla die Stirn zu bieten: Seit Anfang Mai 2018 ist das erste Serienfahrzeug der Marke Nios auf dem chinesischen Markt, 2020 wird der ES8 auch in Europa erwartet: Der Elektro-SUV mit 350 Kilometern Reichweite und einem Wechselakku-System, das innerhalb einer Stunde geladen ist, kostet 68.000 Dollar. Binnen 4,4 Sekunden ist er auf 100 km/h.

No space for speed

“Papas Audi ist schneller!“, erklärt Tim entschieden, nachdem er uns an einem Stausee entdeckt hat und seine Augen über den E-Loryc schweiften. Wolfgang Lindner gibt dem kleinen Jungen recht, denn das Auto, in dem wir sitzen, schafft es zu einer maximalen Geschwindigkeit von 120 km/h . „Aber wo willst du heute noch schnell fahren? Die deutschen Autobahnen sind einfach nur brechend voll. Da ist für Gasgeben kein Platz und überall anders in Europa, darf man eh nicht schneller fahren,“ schildert der gebürtige Deutsche die Situation. In der Vergangenheit habe er als Coach auf der Rennstrecke oft erlebt, dass viele Leute mal richtig rasen möchten, aber das können die meisten Autofahrer eh nicht. „Sie glauben sich und ihr Fahrzeug zu kennen, aber da ist nichts dran.“ Die hohen Geschwindigkeiten sind also eh nichts für den Otto-Normal-Verbraucher. Warum dann nicht einfach gleich langsamer machen und grün fahren?

Ronja Ebeling

Hello, it's Ronny! Ich mache zurzeit mein Volontariat bei Gala Online in Hamburg. Obwohl ich damit schon gut ausgelastet bin, kann ich Derbleu.com einfach nicht links liegen lassen. Diese Website ist meine kreative Spielwiese: Hier steckt viel Herzblut, Gedankengut und Zeit drin.

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