Margiela und Hermès im Musée des Arts Décoratifs

Die Liebe der Avant-Garde und des Luxus währte nur sechs Jahre. Von 1997 bis 2003 um genau zu sein. Aber die Entwürfe, die aus dieser intensiven Beziehung entsprangen – aus der Zusammenarbeit eines Autodidakten und einem der größten französischen Modehäuser – hinterlassen bis heute ihre Spuren.

Das Musée des Arts Décoratifs in Paris ermöglicht bis zum 22. September 2018 den Zugang zu Archive-Pieces eines Designers, der die Mode der 90er Jahre durch seinen Minimalismus und seine Vorliebe zum Dekonstruktivismus prägte: Martin Margiela.

Die gesamte Ausstellung ist um den Vergleich beider Marken, für die Margiela von 1997 bis 2003 tätig war, aufgebaut. Einmal seine eigene, Maison Martin Margiela, dessen Entwürfe auf weißem Boden und Wänden präsentiert werden. Und Hermès, für welche das stolze Signatur-Orange der Marke als Hintergrund dient.

img_5050.jpgMargiela Spring Summer 1990, Hermès Spring Summer 2000

Margiela wird 1957 in Louvais, Belgien, geboren. Nach seinem Studium an der Royal Academy of Arts in Antwerpen assistiert er ab 1984 Jean-Paul Gaultier in Paris. Seine eigene Marke gründet der Designer 1988, gemeinsam mit Jenny Meirens.

1997 wird der 40-jährige Belgier von Jean-Louis Dumas, damaliger CEO von Hermès, als neuer Kreativdirektor der Marke ernannt. Er lässt ihm Carte Blanche. Margiela steht also vor der Entscheidung, das bisherige Konzept der Marke – das hauptsächlich auf bunte Motive im Stil der Seidenfoulards basierte – weiterzuführen, oder ein ganz neues Kapitel aufzuschlagen. Er entscheidet sich für letzteres, wobei er nicht wie erwartet die gleiche Herangehensweise wie für seine eigene Marke anwendet: wo bei Maison Martin Margiela Dekonstruktion und gewolltes Altern der Kleider im Zentrum steht, schreibt er bei Hermès die Wörter Luxus und Qualität in Kapitälchen. Anhand monotoner Farbspektren entwickelt Margiela in seinen insgesamt zwölf Kollektionen für Hermès eine komplette Garderobe, die weniger auf ständigen Neukauf, sondern auf immer wieder erneut miteinander kombinierbaren Teilen beruht. Margiela kann somit auch als ein Vorreiter der „slow-fashion“ Bewegung gesehen werden: schließlich regt sein Konzept für Hermès dazu an, qualitativ hochwertige Kleidung zu kaufen, die seine Kundin lange tragen wird.

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Aber wer ist diese Kundin? Diese Frage beantwortet das Model-Casting Margielas für Hermès. Alle Frauen sind 25 bis 65 Jahre alt, meistens werden sie sogar einfach nur auf der Straße angesprochen. Das Ergebnis ist authentisch und unterstützt Margielas Vision. Letztendlich ist es nun kein 16-Jähriges Mädchen, das sich einen klassischen beigen Kaschmir-Mantel von Hermès für mehrere tausend Euro kauft.

Dekonstruktion auf einem anderen Level

Für Maison Martin Margiela exponiert der Designer gerne die Nähte, die ourlets oder auch Schulterpads. Damit will er den Produktionsprozess sowie das dahinterstehende Handwerk zelebrieren. Für die Hermès Kundin soll dies nicht ausgelassen, jedoch auf eine andere Art und Weise angegangen werden: Margiela entwickelt Mäntel und Jacken mit herausnehmbarem Futter aus den feinsten Materialien wie Kaschmir, Fell oder Kamelhaar. Das Futter hat selber so eine hohe Qualität, dass es sich sogar eigenständig als Mantel tragen lässt. Für die Serie „doublés de même“ entwickelt er Kleidungsstücke, die aus dem gleichen Material bestehen und gefüttert sind. Das Prinzip der Dekonstruktion wendet er somit auf einer ganz anderen Ebene als für seine eigene Marke an.

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“It is exciting for me to have a means to express certain aspects of my vision through my respect of a house of tradition, quality and technical expertise such as Hermes.“
New York Times, 1997

Margiela hat bewusst nicht die Codes des Hauses angegriffen, sondern seine Entwürfe darauf aufgebaut. Symbole der Marke wie das Seidencarré und die Kelly-Bag, bleiben unangerührt, während andere Objekte durch kleine Veränderungen modernisiert werden. Somit erhält das 1991 entwickelte Uhrenmodell „Cape Cod“ ein Lederarmband, das sich zweimal um das Handgelenk wickeln lässt. Die bisher klassischen Knöpfe mit vier Löchern werden auch erweitert: durch zwei zusätzliche Löcher lässt sich beim Aufnähen des Knopfes ein H bilden. Das vorab erwähnte Seidencarré erhält eine kleine Schwester, das Losange. Ein monochromer Seidenfoulard aus Seidencrêpe, dessen Saum farblich mit dem Rest des Stoffes kontrastiert.

img_5058.jpgMargiela Spring Summer 1997, Hermès Fall Winter 2002. Beide Entwürfe basieren auf dem gleichen Konzept, sind aber unterschiedlich ausgeführt. 

Gegenüberstellungen ähnlicher Entwürfe für beide Marken unterstreichen nochmals Margielas Fähigkeit, für seine verschiedenen Kundenstämme zu arbeiten – eine Kunst, die auch heutzutage nur wenige Designer beherrschen.

2003 verlässt Margiela Hermès und widmet sich wieder komplett seiner eigenen Marke. Sein Mentor, Jean-Paul Gaultier, wird nach ihm die kreative Leitung von Hermes übernehmen, auf Christophe Lemaire folgt anschliessend Veronique Nichanian. Seit 2014 leitet Nadège Vanhee-Cybulski die weiblichen Kollektionen.

Das Musee des Arts Décoratifs ist besonders für seine hervorragenden Mode- und Designausstellungen bekannt. Diese perfekt kuratierte Ausstellung beweist erneut, dass ein simples Konzept – hier die Zweifarbigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht – die ausgestellten Werke perfekt unterstreichen kann. Wie bei der Jil Sander Ausstellung, über die wir bereits hier berichteten, verdeutlicht das simple Setting die Zeitlosigkeit und die hohe Qualität der Arbeiten des ausgestellten Designers.

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

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