Musikvideo Minimalismus – die Musik spricht wieder für sich allein

Am 1. August 1981 wurde MTV gegründet. Musik im Fernsehen und nicht mehr nur im Radio. Da musste man sich natürlich etwas einfallen lassen. Das neue Medium „Musikfernsehen“ bot den Künstlern neuen Spielraum und einen Sinn, Bild und Ton zu vereinen. Was das erste Video war? Niemand weiß das so genau, aber oft fallen die Begriffe Bohemian Rhapsody oder Beatles.

Das, was damals auf Sendern wie MTV oder später VIVA ausgestrahlt wurde, war noch sehr schlicht und einfach. Ein Sänger, die Band – vielleicht Tänzer oder eine kleine Story. Es wurde nicht viel Aufwand betrieben, denn schließlich stand die Musik im Vordergrund und nicht das bewegte Bild.

Schnell kam das Internet und sollte genau das ändern. Musikvideos wurden zu Inszenierungen der Superlative, zu oskar-reifen Kurzfilmen oder ganzen Dramaserien. Die Musik diente nur noch als Untermalung. Viele Videos waren dreimal so lang wie der eigentliche Song und bedienten sich an vielen anderen Genres und am wenigsten aber an der Musik.

Doch wozu das Ganze? Vertrauten die Künstler etwa nicht auf ihre Musik? Forderte das Publikum zu viel? Es war wohl eher wieder ein klarer Fall von – blame the internet!

Von less is less – zu less is more

Denn gute zehn Jahre, nachdem Musikvideos im Netz durchgedreht sind und bis zur Superlative  – was Länge, Kosten und Aufwand betrifft – geworden sind, scheinen sie sich wieder ein wenig zu beruhigen.

Ein gutes Beispiel für diesen Wandel ist das vor wenigen Tagen veröffentlichte Video zu Big God von Florence and the Machine. Florence Welch tanzt mit nur wenigen Tänzerinnen in einem dunklen Raum, der an eine Traumwelt erinnert. Der einzige unterstreichende Effekt ist das Wasser auf dem Fußboden und die unsichtbaren Hände, die die Tänzerinnen kurzweilig schweben lassen. Zum Schluss ist die Sängerin allein mit ihrer Stimme. Diese ist durch den neugewonnenen Minimalismus stärker und gefühlvoller wahrzunehmen als je zuvor. Während Florence and the Machine mit ihrem letzten Album How Big, How Blue, How Beautiful noch eine komplette Serie an Kurzfilmen zu jedem Song lieferte, sind die neuen Songs mit sehr viel ruhigerer Bildsprache verbunden.

Eine Künstlerin, die mit ihrem letzten Videorelease das Wort Minimalismus auf die Spitze treibt, ist Kimbra. Schon das erste Video zu Version of Me war sehr zurückhaltend, doch das Neue, das die Duett-Version mit Dawn visualisiert, zeigt der Musikwelt, wie wenig es braucht. Was man sieht ist schnell gesagt: Zwei Frauen.Keine Requisiten, keine Kleidung, keine weiteren Komparsen – nur die Sängerinnen und ihr Ausdruck.

Diese neue Ästhetik ist zurückzuführen auf den Retro Boom. Klar, in der Fashion Welt kennen wir das: 70s, 80s, 90s Revival oder alles eklektisch in einem Outfit. Und auch im Living Bereich findet man wohl kaum noch eine Studentenwohnung ohne siebziger Sessel und Polaroids an den Wänden.
Viele Videos bekommen somit einen analogen Look verpasst. Aber auch wenn sich die Bilder im HD Format bewegen, haben sie eine Roughness und Leichtigkeit, wie wir sie aus den 90ern kennen.

Die Musik scheint wieder zu sich selbst zu finden und der Ton legt seine Stützräder ab. Stop the Reizüberflutung – so mögen wir das!

Noch ein Lieblings Minimalismus-Video der Redaktion: Billie Eilish – lovely

Josephine Bartels

Hi, ich bin Josi, 20 Jahre alt und studiere Modejournalismus. Zurzeit halte ich mich in Berlin auf und arbeite für PR Agentur. Da ich das Schreiben jedoch viel zu sehr liebe, lasse ich euch hier an meiner Liebe zur Popkultur auf schriftliche Weise teilhaben. Ganz nebenbei bin ich Musikfreak und Schallplatten süchtig.

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