Die Bedeutung von Haute Couture in 2018

Haute Couture is dead, long live haute couture! Lidewij Edelkoorts zelebrierten Ausruf über den Tod der Mode, haben sich die Journalisten bereits letztes Jahr vor Beginn der Haute Couture Woche in Paris angeeignet. Den Tod stellen wir uns jedoch etwas anders vor.

Die Luxusindustrie hat in den letzten Jahren einen unheimlichen Wandel durchgemacht. Wirbelsturm Gvasalia hat all das, was wir früher mit Luxus in Verbindung setzen konnten, durch simple Streetwear ersetzt. Tornado Abloh fängt erst richtig an, unsere Notion von hochwertigem Design aufzulockern. Beide sind nicht Akteure der Haute Couture und doch haben ihre Aktionen einen gewaltigen Einfluss auf unsere Wahrnehmung ebendieser Kunst. Mit Gvasalia und Abloh wird die Massenkultur zur zentralen Inspiration für Ready-to-Wear.

Haute Couture genießt jedoch immer noch den Luxus, kein Massenprodukt zu sein. Die Kleider werden ein einziges Mal angefertigt und diese Unikate anschließend einmal während der darauffolgenden Show vorgeführt. Im Anschluss darauf, reicht eine relativ kleine Kundenbasis ihre Bestellungen ein. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Multi-Millionäre und Milliardäre. Bei Entwürfen, die locker mal über 30,000€ reichen können, wird auch ganz gezielt diese Kundschaft angesprochen. Gerade deshalb sitzen die Journalisten und Stammgäste der jeweiligen Marken nicht alleine in der Front-Row: Die Kundinnen und Kunden machen in der Haute Couture Woche einen großen Anteil der Gästeliste aus. Letztendlich injizieren diese nämlich das nötige Cash in die betroffenen Modehäuser.

Welche Shows sind wichtig für den Zeitgeist der Mode?

Haute Couture hat gewiss einen Einfluss auf den Designprozess von High-Street Labels wie H&M und Zara, ihr Impakt darauf lässt sich jedoch ganz klar eingrenzen. Haute Couture lebt von hochwertigen Materialien, extrem aufwendige Verarbeitungstechniken und stundenlanger Präzisionsarbeit. Auf diesem Level kann diese Kunst nicht von Low Budget Varianten eingeholt werden. Die Entwürfe der großen Modehäuser bleiben für den Zeitgeist der Mode wahrscheinlich am ausschlaggebendsten, weil diese auch stark mediatisiert werden.

Nehmen wir uns als Beispiele zwei lang etablierte Marken vor.

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Chanel: Zip it up!
Speziell für Chanel hergestelltes Tweed hält nicht Zara davon ab, jede Saison seine eigene Interpretation des Stoffes in mehreren Ensembles zu liefern. Die Zipper an den Ärmeln in der diesjährigen Haute Couture Kollektion lassen sich jedoch sehr gut nachahmen, sodass dies sehr wahrscheinlich in der High Street Mode übernommen werden könnte. Also, Augen aufhalten, wenn die neue Zara-Kollektion eintrifft.

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Christian Dior: Die Rückkehr des Satins
Satin gibt es in billigen, sowie in sehr teuren Varianten. Auch für Prom-Kleider bleibt es ein geliebtes Material. Handelt es sich um Polyestersatin, starten die Preise bereits bei 2,95€ pro Meter. Seidensatin unter 30€ pro Meter ist eine Seltenheit. Der Unterschied zwischen beiden Varianten, ist schwer erkennbar, es sei denn man untersucht den Stoff mit einer Lupe. Die diesjährigen Entwürfe von Maria Grazia Chiuri ließen sich demnach sehr gut vervielfachen – wobei Einfachheit der Schnitte nicht mit Einfachheit der Verarbeitung gleichzusetzen ist.

Lohnt sich Haute Couture heute noch?

Die Industrie der individuellen Konfektion deckt ihre Kosten alleine durch den Preis der jeweiligen Einzelkreationen. Finanziell lohnt sich dieses Geschäft also weiterhin auf alle Fälle. Zudem ist es auch beruhigend zu sehen, dass weiterhin eine Kundschaft für solch exklusive Produkte besteht. Diese hat seit den 50er Jahren dramatisch abgenommen: von 20 000 auf 4000 gesunken. Jedoch befinden sich darunter sehr viele Millenials, die noch nicht mal 30 Jahre alt und Töchter oder Frauen von sehr wohlhabenden Männern sind. Und wie Karl Lagerfeld vor nicht allzu langer Zeit behauptete, war es in den 50er Jahren eher üblich, dass ungefähr fünf Bestellungen pro Kundinnen eingingen. Die jetzigen Käuferinnen lassen sich zum Teil bis zu 20 Kleidungsstücke aus einer Kollektion anfertigen. Es findet also ein perfekter Ausgleich statt.

Haute Couture bleibt der Stoff der Träume, der sich für die wenigsten konkret materialisiert. Das Publikum darf aber nicht vergessen, dass Haute Couture vorallem ein kreatives Statement für den Couturier setzt. Sie bleibt ein Vektor für das Image der Marke. Wenn ein Celebrity in einer Kreation von Maria Grazi Chiuri die mit rotem Velours bedeckten Treppen des Cannes Film Festivals erklimmt, wird der gesamten Welt das handwerkliche Können des Dior Ateliers bewiesen. Dies ist die best erdenkliche Werbung: Das Kleid wird angefertigt, die Celebrity muss es nicht bezahlen, und darf es im besten der Fälle sogar behalten. Da kann keine Werbekampagne mithalten.

Header: Photo by Kris Atomic on Unsplash

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

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