NYFW: Welche Marken New Yorks Modewoche neu shapen

Letztes Jahr motivierte Journalistin Cathy Horyn mit ihrem Artikel für The Cut  “Why I’m looking forward to New York Fashion Week” die gesamte Fashion-Crowd dazu, weiterhin an das Potenzial der US-Metropole zu glauben. Und tatsächlich hatte die NYFW auch solche Werbung nötig. Der Umzug mehrerer Marken nach Paris – darunter Thom Browne, Joseph Altuzarra, Rodarte oder Proenza Schouler –  beängstigte die Modebranche. Zwei Saisons später sind viele von ihnen zurückgekehrt. Die französische Hauptstadt mag so ihre Vorteile haben, mit New Yorks Dynamik kann aber kaum jemand mithalten. Der Umschwung in der amerikanischen Designer-Landschaft schafft Platz für Neusaat, lässt aber auch mehr oder weniger neue Talente erneut ins Scheinwerferlicht rücken.

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RODARTE

Laura und Kate Mulleavy, Gründerinnen des Labels Rodarte, sind nach drei Saisons in der französischen Hauptstadt wieder in New York gestrandet. Der von kindlicher Fantasie geprägte und von Tüll beladene Stil der Illusion, den die Designerinnen Saison nach Saison pflegen, braucht keine Stadt als Ankerpunkt. Er spricht für sich selbst. Jedoch kann er New York ganz gut tun, wie es die neueste Show des Labels bewiesen hat. Rote und schwarze Rüschenkreationen aus Leder eröffneten eine von durchgängigem Fizzelregen geprägt Show. Jedoch passte das Unwetter sehr gut ins Setting. Gigantische Kreationen aus Tüll und Taffetas verwandelten die Models in Gestalten einer anderen Welt. Man könnte behaupten, dass die Liebe der Mulleavys zur Kostümkreation die Kollektion enorm geprägt hat, oder wie Max Berlinger es auf BoF ausdrückt, die Kreationen als untragbar bezeichnen. Dabei geht es hier um so viel mehr als Tragbarkeit. Es geht um eine Form von Magnifizenz, die bisher auf Pariser Haute Couture Shows ihren Platz hatte, aber auch Ready To Wear mächtig beeinflussen kann. Es geht um Träume, um Fantasien, die in Filmen Hauptrollen belegen, das großflächige Kino-Format aber nur selten verlassen. Eine neue Vision für die New Yorker Fashion Week, die bisher für ihre kommerzielle und sportliche Seite gepriesen wird.

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OPENING CEREMONY

Es sind nicht Carol Lim und Humberto Leons Entwürfe, die diese Saison in den Köpfen der Show-Gäste bleiben werden. Ein kompletter Drag-Queen Cast, Sasha Velour, Jiggly Caliente, West Dakota und Shea Coulée, performte eine Lip-Sync-Show, wie die Fashion Welt sie selten gesehen hat – außer auf Ru Paul’s Drag Race of course. Das Finale topping bestand aus Christina Aguilera, die mit einer imposanten Live-Performance die Show beendete. Und die Kleider? Lim und Leon haben den Drag Queens Stoff gegeben, aus dem sie selber ihre Looks fertigen konnten. Models präsentierten zudem auch OC Basics wie Windbreakers, schwarze Polo- und Midi-Kleider.

Für Lim und Leon ging es dieses Mal um mehr als Kleidung. Es ging um das vermittelte Gefühl von Unität. Die LGTBQ+ Community ist bereits ein zentrales Element der Londoner Fashion Week – siehe Charles Jeffrey Loverboy oder Art School– und auch in New York erweckt das Potenzial dieser endlich von Designern eingeschlagenen Richtung.

Embed from Getty ImagesSIES

MARJAN

Farbe, Material, Form. So beschreibt Lak Sander, Gründer der Marke Sies Marjan, seine Marke in drei Worten.

Klassisches Tailoring trifft hier auf sportliche Elemente, ganz in der Tradition der New Yorker Fashion Week. Sander Lag ist hierbei jedoch einen Schritt weiter gegangen. Wo keine Farbe erwartet wird, setzt er schrille Töne ein. Wenn ein Blaue perfekt sitzt, verwirft ein neues Element – add on in Form einer anknöpfbaren Tasche oder eines langes Schösschens – seine ursprüngliche easiness. Verwirrend und doch, wie es Max Berlinger zutreffend beschreibt, fast wie essenziell wirkend.

DEVEAUX

Tommy Ton ist vor allem für seine Streetstyle-Photographie bekannt. Jedoch ist er seit Februar 2018 auch Kretivdirektor von Derveaux,  das 2016 von Andrea Tsao und Matthew Green gegründete Label. Ton hat zum ersten Mal eine Womenswear-Linie für die Marke kreiert und diese zum Teil auch an reiferen Frauen präsentiert.

Satinierte Stoffe, klassische Key Pieces wie ein Anzug oder ein simples Slip Dress machen die Kraft dieser neuen Frauenlinie aus. Es sind Kleidungsstücke für Frauen jeden Alters und jeder beruflichen Beschäftigung – und alle sind mit Sneakers tragbar. Eine Sorte von Minimalismus, die Calvin Klein wahrscheinlich besonders gut gefallen hätte: monochrom und elegant, immer noch mit der Bewegung und dem Alltag der Trägerin im Hintergrund. Die Accessoires waren von Mango und H&M, wie es Tommy Ton der Vogue Runway Reporterin Nicole Phelps erklärte. Hätten wir gar nicht gemerkt. Die Gesamtheit war stimmig.

Neue Gesichter also, in einer Industrie, die sich zwar ständig erneuern muss, aber nur selten Newcomer länger als eine Saison überleben lässt. Genau jetzt ist der richtige Moment für Marken wie Sies Marjan oder Deveaux. Sie sind schon mehrere Saisons aktiv, brauchen jedoch diese Veränderung, um international in der Presse vertreten zu sein. Die Fashion Week ist im Wandel, genauso wie die allgemeine Notion amerikanischen Designs. Die Entwürfe von Calvin Klein und Helmut Lang bleiben für immer ein Synonym des amerikanischen Designs, jedoch bringen die Silhouetten von Lakes und Deveaux neue Proportionen und Sichtweisen ins Spiel.

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

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