Die moderne Art der Subkultur

Gibt es in Zeiten von Instagram und Spontantrips nach Bali überhaupt noch Subkulturen? – ja. Aber nicht in der Form, in welcher sie noch vor 30 Jahren existiert haben.

Früher dümpelten Subkulturen am Rande der Gesellschaft, von wo aus sie kritisch beäugten. Heute sind Jugendkulturen ein zentraler Teil unserer Gesellschaft und voll integriert. Sie gleichen eher losen Netzwerken als engen Verbindungen. Daher spricht man meistens von Szenen statt Subkulturen. Im Vordergrund steht eine gemeinsame Ästhetik, Körpergestaltung, Mode, Design. Die gestaltete Oberfläche, in die viel Energie gesteckt wird. 

Sie sind eine Mixtur aus kreativem Underground und Kulturindustrie. Jugendkulturen werden heute sofort Teil der Konsumgesellschaft, sie verschwinden als Subkultur, bevor wir sie überhaupt als solche wahrnehmen. Dennoch scheinen sie aktuell mehr Einfluss denn je auf die Gesellschaft zu haben. Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier geht sogar so weit, dass er behauptet sie seien bedeutender als die Studentenbewegungen Ende der 60er. Denn durch die mediale Verbreitung haben sie einen größeren Einfluss und prägen so den Lifestyle aller Menschen. Also welche Frisuren sie tragen, wohin sie in den Urlaub fliegen oder wie sie Sport treiben. 

Die Rolle der Influencer im Subkulturenbrei

Es gibt drei Bereiche, in welche sich Subkulturen grob unterteilen: Musik, Körper beziehungsweise Sport und neue Medien. Jugendkulturen dienen mittlerweile nicht mehr nur Teenagern, sondern auch Erwachsenen als Vorbild und werden so zu einem Leitbild. Sie verlieren ihren klassischen Sinn der Subkultur und etablieren sich als kulturelle, gesellschaftsübergreifende Strömung. 

So zum Beispiel die „Ästhetik des Hässlichen“. Sie hat sich vor allem durch Labels wie Vetements oder Balenciaga etabliert. Doch, dass der Ungeschmack eigentlich aus Berliner Hinterhöfen kommt, weiß kaum einer. Eine Mischung aus Fetischanspielungen, Secondhand-Fundus und Neunziger-Jahre-Trash, garniert mit einer Prise Ironie. 

Möchte man an dieser teilhaben, kommt man an dem Düsseldorfer mit persischen Wurzeln nicht vorbei: Mumi Haiati. Er ist Kopf der wohl hipsten PR-Agentur Berlins: Reference Studios. Unter seinen Fittichen macht es sich ein bunter Haufen gemütlich. Dieser besteht zum Beispiel aus Labeln wie Fatih Connexion, Ottolinger und der schwulen Dating-App Grindr. Seine Kunden kommen aus den Bereichen Mode, Kunst und Lifestyle. Gehört man zu den Coolen der Coolen ist man Teil dieser Gruppe oder hipper gesagt: des Kollektivs. Genau wie 032C. Das ursprüngliche Underground Magazin für Mode- und Kulturinsider, hat sich in nur kurzer Zeit zum Aushängeschild der „Ich-weiß-was-in-ist“-Szene etabliert. Mainstream Fashionblogger wie Caro Dauer posieren in dem beigen Workwear-Mantel mit Glitzer-Logo vor einem perfekten #streetstyle Hintergrund. Vom ehemaligen Unkonventionalismus ist nicht mehr viel übrig. 

Doch das Berliner Magazin ist nicht das Einzige, das sich mit Hilfe von Caro in den Mainstream zieht. Das vermeintliche Model zierte schon etliche Cover ebenso vermeintlicher Indiemagazine. So auch auf der Tush. Mit photogeshopten Tattoos im Gesicht war sie dann richtig „EXTREME“. Den eigenen Namen in krasser Schnörkelschrift auf den Wangen und der Dior-Choker setzten dem Beautykampagnenfeeling die Krone auf. 

Da tut sich eine Frage auf: Warum bedienen sich Marken, die eigentlich für unkonventionelles stehen einer so konventionellen Person? Möchte man sich als Nischenmagazin nicht eher von der Dolce & Gabbana Influencer-Marketing-Strategie distanzieren, welche sich schon lange im Modebusiness etabliert hat? Wo ist die Gegenbewegung, die doch so lange Aushängeschild des Modeinsiders war? Sobald etwas im Mainstream angekommen ist, machte man es anders und schuf einen neuen Trend, anstatt ihn solange auszureizen bis sogar Modeuninteressierte zu viel davon bekommen. Wobei Armin Morbach als ehemaliger GNTM-Juror ja schon immer Freund von Kontroversen zu sein scheint. 

Oder bin ich einfach nur zu intolerant? Natürlich darf jeder machen was er will – bla, bla, bla, die alte Leier eben – leben und leben lassen. Aber hat man als, man könnte durchaus schon von einer Subkultur sprechen, nicht gewisse Verpflichtungen und Normen, die von einem erwartet werden und an welche man sich zuhalten hat? Oder ist gerade das authentisch? Einfach auf die Meinung anderer zu sch***en und eben doch Deutschlands bekannteste Bloggerin auf das Cover zu drucken, obwohl man ja so wahnsinnig neu und direkt am Puls der Zeit ist? Oder wollte das Magazin einfach zu einer ausgewählten Gruppe dazugehören? In den exklusiven Kreis der Magazine, welche es geschafft haben Caro Daur auf ihr Cover zu bekommen. Obwohl mittlerweile gegenteiliger wohl exklusiver ist. 

Kleider machen Leute

Gruppenzugehörigkeit spielt schon lange eine immense Rolle in unserem Sozialleben. Eine unausweichliche Rolle. Möchte man dazugehören entscheidet man sich bewusst für eine Ansammlung an Menschen und Interessen. Versucht man sich von dieser abzugrenzen gerät man allerdings automatisch in eine andere Gruppe, die, die nicht Teil dieser ist. Ein solches Phänomen zieht sich durchgehend durch unsere Gesellschaft. Vom Jäger, über den Philosophen bis hin zum Ritter. Sodass heute eine Unmenge an Subkulturen entstanden ist: Punks, Goths, Hip-Hopper, Raver, Cosplayer nur um ein paar ausgewählte zu nennen. Charakteristisch für eine solche Subkultur bzw. Szene ist die optische Identifizierung. Durch ihre Art des Kleidens erkennt ein außenstehender nach welchen Werten und Idealen eine solche Person lebt. Durch die immer gleichen Symbole, Farben und Kleidungsstücke haben wir ein festes Bild einer solchen Gruppenzugehörigen Person in unserem Kopf. Nehmen wir einmal das wohl offensichtlichste Beispiel des Punks. 

Denkt man an Punks, so springen einem direkt zwei Farben vors innere Auge. Zum einen das obligatorische Schwarz der Lederjacken und Springerstiefel.  Zum anderen das Rot des Anarcho A’s oder ihrer selbst gefärbten Irokesen. 

Schwarz und Rot, zwei Farben, die meiner Meinung nach so gut zusammen passen wie Milchshakes und Pommes. Rot hat tatsächlich eine physische Wirkung auf unseren Körper. Der Blutdruck und die Atemgeschwindigkeit erhöhen sich, wenn wir die Farbe zu Gesicht bekommen. Doch sogar auf blinde Menschen und Tiere hat Rot diese Auswirkungen. Die Farbe transportiert spezielle Energien, welche unsere Lust erhöhen können oder unsere Aggression. Rot ist wohl eine der kontroversesten Farben – vom roten Herz bis zur roten Blutlache.

Anders sieht das bei Schwarz aus. Zunächst wird ihr nachgesagt sie sei eine Nichtfarbe, dennoch vielen von uns die Liebste. Charles Baudelaire betitelte damals die Dandys als „schwarzer Prinz der Eleganz“ stilvoll, elegant, zeitlos. Dafür steht die Farbe heute noch immer. Lieblingston der Hipster und Uniformierung derer, die meinen Geschmack zu besitzen. Trägt man Schwarz, ist man immer gut angezogen. Obwohl die Farbe doch eigentlich für Tod, Trauer und Leid steht. 

Punks und Klerus haben wohl auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun, dennoch gleichen sie sich in der Farbwahl ihrer Subkulturellen Bekleidung. Schwarz steht für den Entzug. Auf der einen Seite Entzug der Vergnügungen, des sinnlichen und materiellen Lebens. Auf der Anderen Entzug der Konventionen, politischen Diktaturen und gesellschaftlichen Normen. Bei den Punks ist Schwarz wohl untrennbar mit einem weiteren Element verbunden: dem Leder. 

Die Lederjacke ist ein solch wichtiges Element dieser Subkultur, dass es aus einem ebenso mit Wichtigkeit und Qualität assoziiertem Material bestehen muss. Die Eigenschaften des Materials weißt dieselben Merkmale wie die Bedeutung des Kleidungsstückes auf: Stärke, Grobheit, Langlebigkeit, etwas, das für die Ewigkeit gemacht wurde. Punks reflektieren mit dem Tragen dieser Jacke ihre Ideologien, adaptieren aber auch die Eigenschaften auf ihre eigene Gestalt. So kann eine Lederjacke durch ihre Textur seinen Träger größer, breiter, älter, stärker, dynamischer wirken lassen. Die Merkmale des Materials werden auf ihn übertragen. Die Bedeutung des Stoffes wird also zur Bedeutung des Gegenstandes. Trage ich Springerstiefel, Karo-Hose und Lederjacke bin ich ein Punk. 

Problem an der ganzen Sache ist nur, dass solche Subkulturen eher die Ausnahme bilden. Stehen wir in der Bahn, neben uns zwei Punks, kann es schon mal vorkommen, dass eine Freundin fragt: „Sind die verkleidet oder echt?“. Mittlerweile fällt es schwer zwischen wahrer Identifizierung mit den Ideologien, welche eine solche Szene mit sich bringt oder bloßem, oberflächlichem Gefallen an deren optischer Ausdrucksweise zu unterscheiden.  

Hanna Lüthi

Hallo ich bin Hanna

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