Buchtipp: Wolfgang Herrndorf – „Stimmen“

Die erste Fahrt in der Gefühlsachterbahn: Sie kann kometenhaft schnell oder bedächtig langsam sein. Mal gibt es Pausen, halsbrecherische Loopings oder Richtungswechsel. Eins steht aber fest: Aussteigen geht nicht.

Das beschreibt auch der 2013 verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf in einer Kurzgeschichte aus dem Band „Stimmen. Texte, die bleiben sollten“. Nach der Erkrankung und dreijähriger Behandlung eines Hirntumors, hat der Schriftsteller seinem Leben im Alter von 48 Jahren ein Ende gesetzt.

Wolfgang Herrndorf kannte die Bedeutung von „für immer

In der Kurzgeschichte zeichnet der Kunstliebhaber die sentimentale Gefühlswelt eines Jungen, der sich im Laufe seiner jungen Jahre immer mal wieder in ein anderes Mädchen verliebt. Aber seine erste Freundin, seine Nachbarin Katharina Rage, der er mit sechs Jahren den ersten Kuss schenkte, wird er nie vergessen. Sie krochen als Kinder gemeinsam unter dem Stacheldrahtzaun her und standen unbeholfen auf einer neuen Seite der Welt, als er Katharina zum ersten Mal küsste. „Der Himmel war von Licht gesprenkelt, die Bäume waren hoch, die Felder gelb. Das war jeden Tag so, es änderte sich nie“, skizziert der Autor mit feinen Strichen die kindliche Unendlichkeitsschleife. Bei einem gemeinsamen Lagerfeuer verbrannten sich beide die Finger. „Ein furchtbarer Schmerz“, der aber auf ewig verbindet.

„Ich war überzeugt, dass wir eines Tages heiraten würden“, erklärte der Junge vorrausschauend. Dass „Für immer“, morgen schon vorbei sein kann, wusste er da noch nicht. Mit der Zeit verschließte sich nämlich die Tür zur Nachbarin. Er lernte Susanne Lemke, Martina Schleifheim und Caroline Metzger kennen. Letztere hatte sogar einen Busen! Und jedes Mal krachten die Gefühle mit 16 Tonnen auf das Herz des kleinen Jungen. Was war er verliebt… Mal hinterließ die mächtige Masse einen kleinen Abdruck oder gelegentlich auch einen größeren.

Aber seine ersten Freundin, seine Nachbarin Katharina Rage, der er mit sechs Jahren den ersten Kuss schenkte, wird er nie vergessen.

„Stimmen“ – Die Übung für „Tschick“?

Diese Kurzgeschichte füllt nur wenige der 192 Seiten von „Stimmen“ aus. Es ist ein Sammelband von Gedankengängen und Schreibübungen, das nach seinem Tod erschienen ist. Liest man die lakonischen, leicht melancholischen Zeilen des Autors, wirkt es nicht nur vertraut, sondern fast einstudiert. Herrndorf schrieb die Geschichte Jahre vor „Tschick“, seinem erfolgreichen Jugendroman der seit 2010 die Leserschaft begeistert. Und doch haben die beiden Erzählungen einiges gemein: Das Gefühl von Einsamkeit, die Suche nach einem Abenteuer in der Natur und der Liebe.

Hinzu kommt die Entschlossenheit, die den Erfolgsautoren Wolfgang Herrndorf auszeichnet. Bis zum Ende, als er sich am 26. August 2013 in Berlin das Leben nahm.

 

Ronja Ebeling

Hello, it's Ronny! Ich mache zurzeit mein Volontariat bei Gala Online in Hamburg. Derbleu.com möchte ich trotz Vollzeitjob weitermachen. Diese Website ist meine kreative Spielwiese: Hier steckt viel Herzblut, Gedankengut und Zeit drin.

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