Designerin Patricia Narbón: „Ein Fuß in der Oper, der andere im Supermarkt“

Patricia Narbón ist Jungdesignerin aus Barcelona. 2012 zog sie nach Wien um Modedesign unter der Leitung von Hussein Chalayan zu studieren. Direkt nach dem Abschluss im Juni 2018 hat sie ihr eigenes Label „NARBON“ gegründet, mit einem ganz klaren Motto: Spanish Drama. Was dahinter steckt und an wen sie denkt, wenn sie Kleidung designt, wollten wir im Interview herausfinden.

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Photo: Christoph Liebentritt

Wann und wie hast du angefangen dich in Mode zu verlieben?

Als Teenager war ich ein großer Fan von Manga und der japanischen Kultur. Ich habe immer die Ästhetik und die Übereinstimmung der Handlung mit den Charakteren und ihrer Identität bewundert.

Welche künstlerische Bewegung oder Epoche inspiriert dich am meisten?

Surrealismus und Avantgarde-Bewegungen, besonders Fauvismus und Almodóvars Frauen.

Die Beschreibung in deiner Instagram-Biografie lautet „Spanish Drama“ und fängt die Essenz deiner Entwürfe perfekt ein. Sie sind mit üppigen Stoffen genäht und stark verziert zum Beispiel mit Rüschen. Welche Frau siehst du am liebsten mit deinen Kreationen? Wie ist sie, was macht sie, was sind ihre Lebensziele?

Eine Person mit einem Hunger nach Schönheit, die zusätzlich auch nach Abenteuern sucht. Sie ist ein lebhafter Träumer, der mit beiden Beinen im Leben steht. Die Person, die Trost sucht und der bewusst ist, dass die Realität eine sich verändernde Konstante ist. Ein Mensch, der in der ersten Person lebt, Spuren hinterlässt, sich um Ökologie und Fairness sorgt. Aufbrausend, leidenschaftlich, aktiv. Jemand, der hochwertige handgefertigte Produkte mit Soul und Savoir-faire schätzt. Er möchte nicht einfach dem Mainstream folgen, sondern schätzt die Einzigartigkeit des Handwerks.

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Photo: Patricia Narbón

Die Modebranche ist momentan stark von Unisex-Kleidung und Streetwear dominiert. Was ist deine eigene Definition von Weiblichkeit?

Weiblichkeit bezieht sich auf das Verhalten oder auf Qualitäten, von denen man annimmt, dass sie charakteristisch für Frauen sind. Ich verbinde sie aber nicht mit einem bestimmten Geschlecht. Ich definiere meine Wahrnehmung des Konzepts der Weiblichkeit mit den Worten demütig, verletzlich, stark und weise.

Ich denke gern an Weiblichkeit als ein Gefühl, etwas mit einer Tiefe, jenseits des Materials.

Du bezeichnest deine Marke als Demi-Couture-Label. Könntest du die Bedeutung näher erläutern?

Es ist die Fähigkeit der Couture, aber mit einem Ready-to-Wear-Ansatz. Kleine Produktionen, auf Bestellung oder Vermietung. Lokal hergestellt. Einige Stücke sind einzigartig, mit handverzierten Kristallen, die nicht repliziert werden können, aber man kann auch Baumwoll-T-Shirts, Flare-Jeans oder maßgeschneiderte Wolljacken finden. Ein Fuß in der Oper und der andere im Supermarkt.

Was repräsentiert Haute Couture für dich heute?

Es ist die ultimative Erhebung der Mode aus der Kunstperspektive. Exquisite Materialien, die von hoch qualifizierten Handwerkern zu Kleidern verarbeitet werden.

Du hast dein Instagram-Konto im Juni gestartet, direkt nach deinem Abschluss, wie es aussieht. Ist dein eigenes Label etwas, das du immer in Betracht gezogen hast?

Ich habe mit der Idee gespielt, wie viele Studenten es getan haben, aber es war nicht geplant, es direkt nach dem Abschluss zu starten. Ich wollte ein Praktikum machen, aber eine Forderung wurde geboren und ich muss sie abdecken. Du kannst nicht einfach ein Feuer stoppen, wenn es brennt.

Könntest du dir vorstellen auch für eine andere bestimmte Marke zu arbeiten und wenn ja, für welche?

Ich wollte immer für Delpozo arbeiten, aber Creative Director Josep Font ist letzten September gegangen und ich warte darauf, was passiert. Ich sehe mich auch bei Gucci, Schiaparelli oder Palomo Spain.

Deine Website startet bald. Planst du einen Online-Shop oder wirst du bei deinem aktuellen Funktionsmodus „handmade to order“ bleiben?

Die neue Website wird einen Online-Shop mit einer Auswahl von Stücken, aber es wird immer das Angebot einer handgefertigten Bestellung von Couture-Stücken sowie die Möglichkeit der Vermietung geben.

Verrätst du uns das Thema deiner neuen Kollektion? Was ist dein Lieblingsstück und warum?

Candelaria ist der Name der Jungfrau der Kanarischen Inseln, aus der meine Mutter stammt und der Name meiner Großmutter. Sie war ein wunderschönes, starkes Wesen voller Eleganz und Weisheit. Die Figur der Jungfrau ist immer in meinem kreativen Prozess gegenwärtig, nicht aus einer religiösen, sondern aus einer spirituellen Sichtweise. Für die Sammlung habe ich die Geschichte dieser Frau aus wechselnden Identitäten geschaffen: manchmal alt, manchmal jung, manchmal ist sie ein Kind und manchmal ist sie aus dem Feuer gemacht. Ich habe mich stark von den Gemälden von Remedios Varo inspirieren lassen. Wenn ich ein Teil auswählen muss, wird es die schwere, mit Kristallen verzierte Jacquard-Bluse, die mit dem Futter aus unberührter Seide geschmückt ist. Das war das erste Stück, das ich für diese Kollektion entworfen habe.

Kannst du auch einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, welche Designs du planst oder in Zukunft gerne machen würdest?

Es wird so sein, als würde man in eine Zitronenscheibe beißen und es nach Lavendel riechen.

Du hast einen Instagram Account, um die Sichtbarkeit deiner Designs zu erhöhen. Wie wählst du die Leute aus, mit denen du arbeitest, um Inhalte für diesen zu produzieren?

Ich bin immer offen für Kollaborationen und lasse mich gerne positiv überraschen. Leute melden sich bei mir und wir kommen ins Gespräch.

Gibt es auch eine negative Seite daran, deine Designs über diese Plattform zu bewerben?

Manchmal sehe ich meine Arbeit, ohne, dass die Quelle erwähnt wurde und das finde ich ziemlich respektlos.

Der typisch deutsche Ausdruck „Hochaktuell“ begleitet das spanische Drama in Form von ärmellosen Strickwaren, die du kreiert hast. Es ist auch ein wiederkehrender Begriff im Journalismus und in der Politik. Was ist ein hochaktuelles Thema, das du gerne in der Modebranche diskutieren würdest?

Moderne Sklaverei in der Industrie, Fairness und Respekt. Grausamkeit ist nicht cool.

True! Tausend Dank für das spannende Interview.

Interview: Juliane Clüsener-Godt & Kristin Roloff
Header Photo:  Kerstin Hammerschmid

Kristin Roloff

Ich bin Kristin, aber wirklich jeder nennt mich einfach Kiki. An der HAW Hamburg studiere ich Medien und Information. Meine Passion für Mode, Fotografie und das Schreiben ist unersättlich, deswegen freue ich mich, diese hier mit euch teilen zu können!

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