Ich geh an Halloween als Hexe! Ist das Cultural Appropriation?

Halloween steht vor der Tür. Ähnlich wie Karneval (oder Fasching, um hier niemandem auf die Füße zu treten), bietet auch dieses Fest eine Gelegenheit, sich zu verkleiden. Ob man als Hexe geht, sollte man sich aber zweimal überlegen. 

Geister, Zombies und Vampire zählen wie die Hexe zu den Halloween-Klassikern. Letzteres bringt aber Diskussionsstoff mit sich.

Das Problem: Cultural Appropriation, also die Aneignung einer Kultur, derer man nicht Teil ist. Das geht von extremen Fällen, wie Blackfacing (sich mit dunkler Farbe anmalen um eine stärkere Pigmentierung zu imitieren), bis hin zu eher subtileren Dingen, wie dem Verwenden religiöser Symbole als reines Accessoire zum Kostüm. Das Ganze ist problematisch und wird daher immer wieder zurecht thematisiert.

Rassistische Verkleidungen sind nicht selten

Halloween hat im Gegensatz zu Karneval/Fasching den Vorteil, dass es sich in seiner heutigen Form, von den Vorbildern der heidnischen Bräuche abgekoppelt hat und in Europa und Nordamerika mittlerweile als ein Fest gefeiert wird, bei dem die Gruselkostüme meist popkulurelle Vorbilder haben, wie zum Beispiel Frankensteins Monster. Diese klischeehaft zu imitieren ist nicht anmaßend und reduziert niemandes kulturelle Herkunft auf eine Verkleidung. Doch in letzter Zeit melden sich vermehrt Menschen zu Wort, die eine bestimmte Halloween-Verkleidung kritisieren und darin kulturelle Aneignung sehen: Hexen. Menschen, die sich als Hexen verkleiden, eignen sich also eine fremde Kultur an. Konzerne, die Hexenkostüme oder Accessoires verkaufen, schlagen aus einer Minderheit Kapital, heißt es von selbsternannten Hexen, wie Gabriela Herstik. So weit so ungewöhnlich. Aber was steckt dahinter? Ist Hexerei real und gibt es heute noch Hexen?

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Das Problem liegt hier in einer  fehlenden Abgrenzung von historischer Figur und Anhängern einer neureligiösen Bewegung. Die Hexen, die sich heute darüber beschweren, dass Marken wie Sephora und Pinrose ein ,Witch Starter Kit’ verkaufen, haben nichts mit jenen zu tun, die im Mittelalter völlig haltlos als Verbündete Satans verurteilt und hingerichtet wurden. Hexen gibt es heute in Form religiöser Minderheiten, wie zum Beispiel des Wicca Kultes. Sie stehen aber in keiner historischen Nachfolge der früher als Hexen bezichtigten Personen.

Historische Figuren vs. religiöse Anhänger

Die Darstellung der Hexe auf einer Halloween-Party beruht aber eben auf diesem mittelalterlichen Vorbild. Die stereotypische Figur mit Hut, fliegendem Besen und einer Katze unter dem Arm wurde aus den Ängsten der Leute genährt und auch von der katholischen Kirche großflächig propagiert. Man war damals weniger gewillt Zufälle als Ursachen für Unglück zu akzeptieren und hatte Angst vor dem Unbekannten. So suchte man bei vielen Gelegenheiten die Schuld in anderen Umständen: Wurde jemand plötzlich krank, war man mit Sicherheit von einer Hexe verflucht worden. Gab es bei der Geburt eines Kindes Komplikationen, war die Hebamme mit Sicherheit eine Hexe. Hatte jemand Wissen über Kräuter und Heilkunde, alternativ zur damaligen Medizin – Hexe! So ist in Europa über die Zeit ein Klischeebild entstanden, das heute bedient wird.

Hexenmaske
Photo by Natalie Jeffcott on Unsplash

Anders ist das heute bei selbsternannten Hexen. Das Mystische und Okkulte hat Menschheit schon immer fasziniert. So gab es gerade in der Zeit der Romantik eine Rückbesinnung auf vorchristliche Spiritualität. Diese Gruppen ernennen sich jedoch selbst zu Hexen und müssen dafür heutzutage nicht um Leib und Leben fürchten. Die Hexenfigur ist eine vornehmlich weibliche Rolle und steht heute in feministischer Forschung in der Debatte. Manche Frauen setzen sich selbst in einen historischen Bezug zu verfolgten Hexen,  um hiermit einer Opferrolle im Patriarchat zu entfliehen. So gibt es online ganze Kollektionen von Kleidung und Accessoires mit der Aufschrift ,We are the daughters of the witches you did not burn’. Eine solche Verkettung ist problematisch. Sie verschmilzt reale Personen mit der eigenen Abstammung und verwischt die Grenzen von fiktionaler Andichtung magischer Fähigkeiten und dem historischen Vorwurf der Hexerei.

Darf ich mich jetzt als Hexe verkleiden?

Die Hexe ist eine historisch sehr bewegte Figur. Sie ist gruselig, wie alle Charaktere, die heute als Halloweenkostüm dienen. Sie ist in ihrem Aussehen mit Hut und Besen zwar schemenhaft an eine historische Figur angelehnt, die uns ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte vorführt. Wer sich einen Hut aufzieht und auf einem Besen reitet, eignet sich aber keine benachteiligte Kultur an.

Lucas Stübbe

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