Stoff für Musicals: Wie Ryan Raftery die Fashion-Szene auf die Bühne bringt

Außer dem französischen Filmemacher Loic Prigent gehen nur wenige die Welt der Mode mit Humor an. Man soll sich doch bitte ernst nehmen. Vor allem, wenn man für eine der großen Publikationen steht. Niemand verkörpert diese mangelnde Selbstironie besser als Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue. Und genau deshalb brachte der New Yorker Playwright Ryan Raftery die eisige Königin zum Broadway. Er widmete ihr 2014 tatsächlich eine gesamte One-Man-Show – Ryan Raftery is the most powerful woman in fashion – in dem ihre Kälte und Unfreundlichkeit karikaturiert werden. Fräulein Bee Shaffer, Tochter der Mode-Päpstin wurde höchstpersönlich von Frau Mama in Joe’s Pub geschickt, um dieser anschließend zu berichten. Wintour kommt also nicht selber, möchte aber trotzdem gerne wissen, wie sie inszeniert wird. Interessant.

Unendliche Möglichkeiten

Es ist schwer zu glauben, jedoch hat sich bisher tatsächlich kein anderer Musical-Regisseur mit der Modeszene beschäftigt. Dabei bietet genau diese sehr viel Inhaltsstoff, der sich in fiktiven Narrativen erweitern lässt. So ging der junge Schauspieler auch sein neustes Stück, The Obsession of Calvin Klein, an. Ausgangspunkt dieser Parodie des Lebens von Ralph Lauren, Calvin Klein und Donna Karan, war die Tatsache, dass die ersten beiden im New Yorker Bronx aufgewachsen sind und jeweils absolute Modeimperien in die Welt gesetzt haben. Jede sechste Person weltweit kommt laut Raftery an einem Zeitpunkt ihres Lebens mit der Marke Calvin Klein in Berührung. Durch eine unglaubliche Bandbreite an Einstiegsprodukten, von Unterwäsche über Parfum bis zu mittelpreisigen Lederaccessoires, hat sich der New Yorker Designer eine breite Kundenbasis aufgebaut. Und doch weiß der Durchschnittskonsument wenig bis gar nichts über die Person hinter der legendären Marke.

Das nutzt Raftery aus, indem er eine paranoide Verfolgungsjagd inszeniert: Donna Karan, gespielt von Jess Watkins und Calvin Klein, von Raftery verkörpert, haben Angst, von ihrem Rivallen Ralph Lauren, von Miranda Noelle Wilson gespielt, überholt zu werden. Also entscheiden die beiden, den kleinen aber erfolgreichen König der New Yorker Bourgeoisie zu zerstören.

Raftery geht es bei der Entscheidung, Wilson für die Rolle von Lauren zu casten, nicht darum, dass ein schwuler Designer am besten von einer Frau dargestellt werden kann. Überhaupt nicht. Der echte Ralph Lauren ist nicht besonders groß. Klein hingegen überragte zu seiner Zeit die meisten seiner Models. Somit brauchte Raftery einen Darsteller, der kleiner als er ist. Wilson kannte er schon lange, die junge Schauspielerin schien eine perfekte Lösung zu sein. Darüber hinaus geht es Raftery um die Performance des Künstlers, nicht um sein Geschlecht.

Respektlos oder vergötternd?

Die betroffenen finden Rafterys Humor zwar grenzwertig,  schicken jedoch aus kaum haltbarer Neugier ihre Spitzel – alles andere als inkognito – in die Show. Nach Martha Steward, Anna Wintour, Calvin Klein, Ralph Lauren und Donna Karan würden wir gerne mal Hedi Slimane oder Phoebe Philo aus der Sicht Rafterys entdecken dürfen. Stella McCartney wäre auch nicht schlecht. Eines der berühmtesten Lieder von Vater Paul MccCartney könnte dann folgendermaßen aussehen:

Little darling, the changes that fahion embraces
Little darling, it’s been like years since they’ve been clear
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right

 

Header: Christopher Lee Sauvé, studiosauve.com

Juliane Clüsener-Godt

Hello, ich bin Juliane. Ich studiere zurzeit Modejournalismus in Hamburg, möchte in naher Zukunft aber am liebsten für ein Print-Magazin die aktuelle Modewelt analysieren. Neben einer unendlichen Liebe für Frankreich, mein Heimatland, pflege ich auch mit sehr großer Sorgfalt meine multiplen und diversen Bücher.

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