Wie deutet eine Kartenlegerin die Zukunft?

Nina hat eine jahrelange Fernbeziehung beendet. War das die richtige Entscheidung? Ich habe mit ihr ein Medium mit Hellseherfähigkeiten in einem Hamburger Plattenbau besucht.

„Versuchen Sie sich zu erden!“, mahnt die Frau mit Hausschlappen aus Plüsch und rutscht auf die Kante der Couch gegenüber. Nina nickt, mischt die Karten und legt zwei von ihnen verdeckt auf die gläserne Tischplatte. Von der anderen Seite greifen Finger mit goldlackierten Nägeln nach ihnen und sortieren sie aufgedeckt in vier Reihen.

Eine Woche zuvor hat Nina am Schwarzen Brett im Supermarkt eine Visitenkarte entdeckt. „Spirituelles Kartenlegen – langjährige Erfahrung“ stand darauf. Das Kärtchen fand kurzerhand den Weg in ihre Jackentasche. Abergläubig ist sie nicht, aber neugierig.
Wenige Tage zuvor hatte die 24-Jährige ihren Freund verlassen. Trotzdem denkt sie noch oft an Florian. Der Mann, der mit beiden Beinen fest im Leben steht.

Die Klingeltaste antwortet ihrem Finger mit einem dumpfen Gong. Nur wenige Sekunden später ertönt der Türöffner. Nina atmet noch einmal stoßartig aus und drückt dann die Haustür auf.
Sie war noch nie bei einer Kartenlegerin und weiß auch nicht genau, wie ernst sie den Selbstversuch nehmen soll. Im Treppenhaus ahnt sie noch nicht, was dieser Besuch in ihr auslösen wird.

Es sind nur drei Stufen. Im Erdgeschoss steht die Wohnungstür offen, es brennt kaum Licht. Eine kleine Frau tritt aus dem Schatten und reicht Nina im Halbdunkeln die Hand. „Es wäre toll, wenn Sie Ihre Schuhe ausziehen könnten“, bittet sie und zeigt auf den hellen Teppichboden. Hastig schnürt Nina ihre Boots auf und tappst auf schwarzen Socken ins Wohnzimmer. Ihr Medium hat sie sich anders vorgestellt: Gabi ist eine zierliche Frau und sieht mit ihrer Föhnfrisur aus den 70er Jahren aus wie die ältere Version von Farrah Fawcett. Ihr Pony steht akkurat in ihrem Gesicht, dank tonnenweise Haarspray berührt aber keine der Strähnen die Stirn.

In der Luft liegt ein leichter Salbeiduft. „Das bereinigt!“, folgt auf Ninas Naserümpfen prompt die Erklärung. Überall flackern Teelichter, kleine Lampen und vor dem Fenster leuchtet ein Globus. Neben Nina liegen eine Decke mit Tigermuster auf der Sofakante und ein rotes Kissen in Herzform, wie man es vom Jahrmarkt kennt. „Oh, es kommen gewaltige Veränderungen auf Sie zu!“, zischt Gabi bei ihrem ersten Blick auf die ausgelegten Karten. Der wohl klassischste Spruch einer Kartenlegerin. Sie weiß nicht, dass Ninas Beziehung gerade in die Brüche gegangen ist. „Ich sehe eine extreme Zerrissenheit. Sie bekommen gutgemeinte Ratschläge, die Sie aber in die Irre führen“, murmelt Gabi in die gespreizten Finger und kippt mit den Fersen in ihren Plüschschlappen auf und ab. In weißer Hose und weißem Oberteil scheint sie zu leuchten und fast ein paar Millimeter über der Couch zu schweben. Nina starrt sie wortlos mit hochgezogenen Schultern an. „Sie werden sich von Leuten trennen, denen Sie sich vorher verbunden gefühlt haben. Aufgrund ihres Fortkommens. Das wird sich nicht vermeiden lassen!“ Nina nickt langsam und presst ihre Knie aneinander: „Ich habe mich ganz frisch von meinem Freund getrennt. Nach drei Jahren Beziehung.“ Es liegt eine merkwürdige Stille in der Luft. Nur das leise Summen eines alten CD-Players auf dem Sideboard scheint zu beweisen, dass die Zeit im Wohnzimmer nicht still steht. Ninaschluckt, während Gabi mit ihren Fingern über die ausgelegten Karten streicht.

Sprechen hier wirklich die Karten?

„Cold Reading“ nennt sich der Fachausdruck, wenn Menschen in einer interviewartigen Situation ohne wirkliches Wissen über ihren Gesprächspartner einen allwissenden Eindruck machen. Gabi ordnet Nina dabei zunächst in oberflächliche Kategorien nach Geschlecht, Alter und optischen Auftreten ein. Im nächsten Schritt beobachtet sie Ninas nonverbale Äußerungen und ihre Sprechweise. Auf dieser Grundlage tastet sich die Kartenlegerin vor.

Gabi bietet an ins Detail zu gehen und das Beziehungsblatt aufzudecken. Nina nickt wieder und mischt die Karten auf Anweisung erneut gründlich durch. Sie nimmt sich Zeit dafür und schaut auf ihre Hände. Ein Kartendeck, wie man es von Spieleabenden kennt: Kreuz, Pik, Herz, Karo… „Beständigkeit!“, ruft Gabi mit einem lauten Lachen aus, als eine einzelne Karte aus Ninas zittrigen Fingern fällt und auf dem Tisch landet. Ein leichtes Zucken durchfährt vor Schreck ihren Körper und sie legt wieder zwei verdeckte Karten auf den Tisch, die von Gabi als Mitte für das neue Blatt genutzt werden. „Ihr Ex-Freund geht in eine ganz andere Richtung. Er würde sie auf Dauer einengen!“

Während Florian als Beamter in Schwerin arbeitete, hat Nina am Bodensee und in Hamburg studiert. Wenn er zu Besuch war, haben sie sich in das schmale Einzelbett ihres möblierten WG-Zimmers gequetscht. Manchmal schliefen sie Kopf an Fuß, weil sie sonst kein Auge zubekommen hätten. Florians Heimatstadt in Mecklenburg-Vorpommern kommt für sie beruflich nicht in Frage, aber auch privat, hat er dort zwar alles, Ninas aber nichts –außer ihn natürlich. Sie haben oft darüber geredet. „Du weißt, dass man als Beamter nicht so leicht die Stadt wechseln kann!“, hatte er dann immer beharrt. Nina hat den Schlussstrich gezogen.

Kreuz König

„Ich sehe hier ein Kind im Leben Ihres Exfreundes“, Gabi schreckt hoch und bohrt ihre Zehen gegen die Decke der Plüschpantoffeln. Ihr rechter Zeigefinger liegt gestreckt auf Kreuzkönig. „Das ist schon über zehn Jahre her…“, kommt es von Nina, die ihre langen Haare mit einer ruckartigen Kopfbewegung nach hinten wirft. Ihr Blick wandert an der Zimmerwand entlang, wo er auf kleine Lichtkegel trifft. „Florian hat mit 18 die Vaterrolle für die Tochter seiner damaligen Freundin übernommen… Sie leben in derselben Stadt und er hat immer noch Kontakt zu der Kleinen“, erklärt sie ihrem Medium und reibt sich mit den Handflächen über die erhitzten Wangen.

Lange wusste Nina nicht, was sie davon halten soll. Es ist zwar nicht sein leibliches Kind, aber dass es in den Schulferien trotzdem zu seinen Eltern fährt und die Freizeit bei „Oma und Opa“ verbringt, fand Nina schwierig. Und gleichzeitig macht sie sein verantwortungsbewusstes Handeln auch stolz.

„Mh, kompliziert also… Er ist fürsorglich. Dieser Mann war eine sichere Bank für Sie- der Fels in der Brandung. Auf ihn konnten Sie sich verlassen!“ beschreibt Gabi ihre Sicht und schlägt mit ihrem Ring auf die Glasplatte des Wohnzimmertisches. Nina zieht den rechten Mundwinkel hoch und nickt stumm.

Ein paar Minuten später fällt die Haustür ins Schloss und Nina steht im Licht der Straßenlaterne. Es ist 21:10 Uhr und die Herbstluft ist erstaunlich warm. Ihre Lederjacke möchte sie gar nicht anziehen. Stattdessen legt sie ihre kalten Hände auf die roten Wangen. „Gruselig!“, schüttelt sie ihren Kopf und die Augen suchen an der Hausfassade nochmal das Fenster der kleinen Wohnung, in der sie eben noch gesessen hat. Die Lichter im Wohnzimmer sind erloschen. Nina läuft leicht verwirrt zur Bahnstation.

 

Ronja Ebeling

Hello, it's Ronny! Ich mache zurzeit mein Volontariat bei Gala Online in Hamburg. Derbleu.com möchte ich trotz Vollzeitjob weitermachen. Diese Website ist meine kreative Spielwiese: Hier steckt viel Herzblut, Gedankengut und Zeit drin.

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