Digital Detox: Eine Flucht ins Analoge

35Millimeter Film, statt Speicherkarte in der Kamera. Vinyl, statt USB-Stick. Analoge Hobbies feiern ein Comeback. Dabei ist die analoge Technik nicht selten viel kosten- und zeitintensiver, als die digitale Version. Der Retrotrend wirkt zunächst wie ein Gegenmodell zu all den digitalen Errungenschaften der letzten Zeit. Macht man mit einer Digitalkamera ein Foto, kann man sich das Resultat direkt nach der Aufnahme auf dem integrierten Display ansehen. Mit einer Analogkamera dauert es mehrere Tage, bis der Film entwickelt wurde und man sieht, ob das Bild etwas geworden ist.

Warum entscheiden sich viele Menschen für einen Schritt zurück in der Zeit?

„Weil das Analoge diese Dinge im wortwörtlichen Sinne begreifbar und auch verständlich macht“, meint Luise Stoltenberg, 30. Die Soziologin forscht im Rahmen ihrer Promotion an der Uni Hamburg zum Einfluss digitaler Medien auf den Tourismus. Dabei ist sie auf eine Bewegung in der Gesellschaft gestoßen, die bewusst auf die Benutzung digitaler Medien verzichtet, um den eigenen Umgang damit zu hinterfragen. Der sogenannte Digital Detox Tourism. Luise Stoltenberg fiel auf, dass sich das Muster des digitalen Verzichts auch abseits des Tourismus wiederfindet: Im Alltag setzt sich der Trend besonders im Hobbybereich der Fotografie und Musik durch.

Photo by Paul Gaudriault on Unsplash

„Analog ist begreifbar, man kann es leichter kontrollieren und verstehen“

Laut Stoltenberg spielt der Kontrollfaktor eine entscheidende Rolle. Es lässt sich viel leichter nachvollziehen, welche Mechanismen wo und wie ineinandergreifen. Diese lassen sich darüber hinaus vom Nutzer beeinflussen: Man interagiert mit der Technik auch in der Tiefe, statt nur auf der Oberfläche. Statt eines Knopfdrucks auf einem Glasdisplay, sind zum Abspielen einer Schallplatte viel mehr Schritte nötig, um in den Genuss der Musik zu kommen. Der digitalen Technik fehlt es an Haptik. Einen Brief oder eine Postkarte zu schreiben, dauert länger, als eine E-Mail. Das Einwerfen in den Briefkasten fühlt sich viel realer an, als der Klick auf den Send-Button.

Haptik vs. Effizienz

Das Analoge Erlebnis hat seinen Preis. Eine Platte aus Vinyl ist meist nicht nur teurer, als eine CD – geschweige denn ein Streaming-Abo – es braucht zudem auch einen Plattenspieler, einen Verstärker und Lautsprecher. Der Mehrwert liegt für viele Analog-Fans im Auflegen der Platte, das im Vergleich zum Tippen auf den Handybildschirm, beinahe wie ein Ritual erscheint. Für Liebhaber eben ein meilenweiter Unterschied.
Gleiches gilt in der Fotografie. Wer mühselig einen Film in einer alten Kamera aufzieht und für das perfekte Foto noch durch die Linse schauen muss, dem kommt das schnelle einlegen einer Speicherkarte in eine Digitalkamera beinahe schon banal vor. Beides wirkt zunächst völlig unvereinbar: auf der einen Seite Haptik, auf der anderen Seite Effizienz.

Aber sind Digital und Analog überhaupt Gegensätze?

Photo by Markus Spiske on Unsplash

„Die Flucht ins Analoge wird vor allem dadurch getragen, dass es das Digitale gibt“, meint Stoltenberg weiter.

Das heutige analoge Erlebnis sei meist in eine digitale Umwelt eingebettet. So würden  sich Hobbyfotografen heutzutage mit Hilfe von YouTube-Tutorials über das Einstellen von Belichtungsmessern informieren. Vinyl-Fans kaufen ihre Platten über einen Onlinestore. Durch das Internet ist es viel leichter, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und so an Informationen zu gelangen. Dadurch lässt sich das eigene Hobby professionalisieren. Das Analoge floriert also heute nicht trotz, sondern vor allem wegen der Digitalisierung vieler Lebensbereiche wieder so stark.

Lucas Stübbe

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